In den vergangenen vier Jahren hat ein Team rund um Prof. Stefan Zerbe zwei Studien zu städtischem Grün und Baumpflanzungen durchgeführt – was leisten sie, inwiefern können sie auch schaden? Ökosystemleistungen wie der Einfluss auf das Mikroklima, Lärmminderung, Habitat für Insekten oder Regulation des Wasserhaushalts werden Schadwirkungen wie dem allergenen Potential oder Schäden an städtischer Infrastruktur gegenübergestellt. „Unsere Studien für die Südtiroler Städte Meran und Bozen untermauern den Bedarf einer umfassenden und weitsichtigen Planung des städtischen Grüns samt klug gewähltem Baumbestand“, so Prof. Zerbe. Eine Fotoausstellung in Bozen dokumentiert das interdisziplinäre Forschungsprojekt.

Bereits heute leben laut einem UN-Bericht aus dem Jahr 2018 rund 75% der europäischen Bevölkerung in Städten. „Angesichts des Klimawandels wird sich die Situation in den Innenstädten bezüglich der Hitzeperioden weiter verschärfen“, ist Ökologe Prof. Zerbe überzeugt. „Es gilt, der urbanen Begrünung mehr Wertschätzung entgegenzubringen, statt sie nur als Kosmetik in der Stadt oder als ein Alibi für ökologische Stadtentwicklung zu nutzen. Vielmehr ist es dringend an der Zeit, bei großen Bauvorhaben auch Landschaftsökologen in die Stadtplanung miteinzubinden, um lebenswerte und gesunde Städte zu planen.“ Man bedenke, dass allein im Jahr 2003 während der sommerlichen Hitzewelle etwa 40.000 Todesfälle in Europa verzeichnet wurden.

Die zwei Studien für Meran (publiziert 2018) und Bozen (veröffentlicht im Mai 2020) listen detailliert auf, wie es um den Baumbestand und die Oberflächenversiegelung bestellt ist und welchen Einfluss diese innerstädtischen Freiflächen auf die Stadtbewohner haben.

Es gilt, der urbanen Begrünung mehr Wertschätzung entgegenzubringen, statt sie nur als Kosmetik in der Stadt oder als ein Alibi für ökologische Stadtentwicklung zu nutzen.

Prof. Stefan Zerbe

So wird in der Stadt Meran bereits seit dem Jahr 2000 ein detailliertes Baumkataster gepflegt, das mittlerweile über 5000 Stadtbäume entlang der Straßen und Parks umfasst. Die Studie der unibz zeigt auf, welche Bäume sich für eine künftige Bepflanzung unter Berücksichtigung der verschiedenen Ökosystemleistungen am besten eignen: Produktion, Regulation und kulturelle Leistungen werden dabei den Schadwirkungen bei Gesundheit (allergenes Potential), Klima (bei Emission von biogenen flüchtigen organischen Verbindungen), Ästhetik und Landnutzung gegenübergestellt. Mit Blick auf das sub-mediterrane Klima der Stadt wurde eine Rangliste von Pflanzen/Baumarten erstellt, die sich für die städtische Bepflanzung am besten eignen, darunter der Tulpenbaum, Walnussbaum, die Aprikose und die Europäische Lärche.

In der Landeshauptstadt Bozen wurde der Fokus einerseits auf Baumarten gelegt, die aufgrund ihrer Kronenform einen höheren Kühlungseffekt garantieren (Schwarze Maulbeere versus Echte Zypresse) und andererseits auf geeignete Oberflächenmaterialien. Hierbei wurden die häufig anzutreffenden Oberflächenmaterialien Porphyr und Asphalt einem mit Vegetation bedeckten Boden gegenübergestellt. Die Baumarten Maulbeere, Linde und Trompetenbaum zeigten sich, bei entsprechender Kronenausprägung, bezüglich des Kühlungseffektes als besonders geeignet. „Der innovative Charakter unserer Untersuchungen liegt einerseits in dem mit 85 Baumarten umfangreichen Artenspektrum und andererseits in den detaillierten Messungen der oberflächennahen Lufttemperaturen, die von unserem Forschungsmitarbeiter Andrew Speak durchgeführt wurden“, so Prof. Zerbe. „Daraus können die Stadtverantwortlichen wertvolle Hinweise für die Gestaltung des Grüns ableiten.“

Unsere Studien für die Südtiroler Städte Meran und Bozen untermauern den Bedarf einer umfassenden und weitsichtigen Planung des städtischen Grüns samt klug gewähltem Baumbestand.

Prof. Stefan Zerbe

Die zwei Studien sind Teil des Projekts greenCITIES, zu dem eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe der Freien Universität Bozen forscht. Experten aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Soziologie und Anthropologie haben es sich zum Ziel gesetzt, das Wohlbefinden der Stadtbewohner durch ein geeignetes Grünflächenmanagement zu bewerten. Zur Forschergruppe zählen die Professoren Stefan Zerbe, Federico Boffa, Dorothy Zinn, Camilla Wellstein und Susanne Elsen sowie die Forscher Andrew Speak, Hilary Solly, Leonardo Montagnani, Vincenco Mollisi und Roberta Raffaeta. Mit dem Design der Fotoausstellung durch die Fakultät für Design und Künste führte dieses Projekt nun Expert*innen aus vier Fakultäten der unibz zusammen.

Die Fotoausstellung greenCITIES wird vom 28. September bis 16. Oktober in der Gemeinde Bozen zu sehen sein. Am Montag, 28. September treffen sich die Ausstellungsverantwortlichen um 16 Uhr auf dem Bozner Rathausplatz zum Pressegespräch.

Aufmacherbild: historische Ansicht des Bozner Dominikanerplatzes

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