Eurac Research hat im Auftrag des Landes eine umfassende technische Studie erstellt

Ein interdisziplinäres Team des Bozner Forschungsinstituts hat die Bereiche Verkehr, Gebäude, Energie, Landwirtschaft und rechtliche Rahmenbedingungen analysiert und die Ergebnisse in einem 180 Seiten starken Dokument dargelegt. Es ist frei zugänglich und liefert detaillierte Daten und Szenarien, die als Diskussionsgrundlage für Entscheidungen in der Südtiroler Klimapolitik dienen können. Interessant sind sie auch für Entscheidungsträger aus Landwirtschaft, Industrie und Tourismus.

Die Weltgemeinschaft hat mit dem Pariser Klimavertrag von 2015 beschlossen, alle Maßnahmen zu treffen, um die Klimaerwärmung auf deutlich unter 2°C zu begrenzen im Idealfall auf maximal 1,5°C. Seit Beginn des Industriezeitalters hat sich die Erde bereits um 1,1°C erwärmt. Es ist inzwischen wissenschaftlich belegt (Bericht des Weltklimarats IPCC 2022), dass ein Überschreiten der 1,5°C-Schwelle zu massiven, sich beschleunigenden und irreversiblen Klimaänderungen mit katastrophalen Auswirkungen in allen Teilen der Erde führen wird. Es ist auch belegt, dass das 1,5°C Ziel nur durch eine schnelle und massive Reduktion der Treibhausgasemissionen erreicht werden kann, und dass spätestens bis 2050 weltweit und in allen Sektoren Klimaneutralität, also Netto-Null Emissionen erreicht werden müssen. Das Land Südtirol hat sich mit seiner Initiative „Klimaland Südtirol“ und dem „KlimaPlan Energie – Südtirol 2050“, der seit Sommer 2021 als Entwurf vorliegt, zum Ziel gesetzt, Treibhausgasemissionen erheblich zu reduzieren, um die Pariser Klimaziele zu erreichen.

Im Herbst 2021 beauftragte das Land Südtirol Eurac Research mit einer technischen Studie zur Erreichung der Klimaneutralität. Die Forscherinnen und Forscher gehen der Frage nach: Wie kann ich mit Hilfe technischer Maßnahmen, die Verwendung fossiler Brennstoffe reduzieren, und zwar in den Bereichen Verkehr, Gebäude, Energie, Industrie und Landwirtschaft. Die nun vorliegende Studie legt zunächst diese Rahmenbedingungen auf internationaler, europäischer, nationaler und sub-nationaler Ebene dar und zeigt auch die rechtlichen Handlungsspielräume auf, die Südtirol dank der Autonomie in Sachen Klima und Energie hat. Klarheit bringt das interdisziplinäre Forscherteam dann auch in die Konzepte – was genau bedeutet Kompensation? Was kann in Klimabilanzen als Treibhausgas-Senke eingerechnet werden? – bevor es den Ist-Zustand der einzelnen Bereiche erhebt, mögliche Entwicklungsszenarien aufzeigt und Maßnahmen für die Erreichung der Klimaneutralität darlegt. Die Berechnungen und Analysen wurden in den Monaten Dezember 2021 bis April 2022 durchgeführt und anschließend der nun vorliegende Bericht erarbeitet. Er stellt eine Diskussionsgrundlage für die zukünftige Klimastrategie dar, zeigt rechtliche Handlungsmöglichkeiten auf und analysiert die Auswirkung möglicher Maßnahmen.

Erstmals wird quantifiziert, was durch die Weiterführung der bereits laufenden und die Umsetzung der neu beschlossenen Maßnahmen insgesamt zu erreichen ist: eine Reduktion der CO2-Emissionen aus fossilen Energieträgern bis 2030 um 30% verglichen mit 2010. Um eine Emissionsminderung von mindestens 45% zu erreichen – das von der internationalen Staatengemeinschaft auf der COP26 in Glasgow festgelegte Ziel – reicht es demnach nicht aus, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen; zusätzliche Maßnahmen sind notwendig. Dies umfasst den Einsatz neuer Technologien sowie die Verstärkung bestehender technologischer Lösungen. Es bedarf aber auch einer grundsätzlichen Verhaltensänderung in der Gesellschaft in Sachen Konsum, Ernährung, Mobilität. Auf die gesellschaftliche Transformation geht die technisch ausgerichtete Studie nur kurz ein.
Größter Verursacher von CO2-Emissionen in Südtirol ist der Verkehr: Über 50% der Emissionen aus fossilen Energieträgern gehen auf sein Konto, an erster Stelle auf das der privaten PKW. Die Studie widmet ihm ein sehr ausführliches Kapitel, in dem beispielsweise vorgerechnet wird, wie viele Emissionen Südtirol einsparen könnte, wenn es 2030 nur noch emissionsfreie öffentliche Busse gäbe – eine der empfohlenen Maßnahmen. Ein anderer zentraler Ansatzpunkt ist, den Umstieg auf E-Mobilität zu beschleunigen, und zwar nicht nur durch finanzielle Anreize: Wer ein Elektrofahrzeug fährt, sollte auch andere Vorteile haben, etwa Busspuren verwenden können, über mehr Flexibilität beim Parken verfügen.

Die Autorinnen und Autoren der Studie gehen natürlich auch auf die neue Gewichtung künftiger Energieträger in Südtirol ein. So wird Elektrizität eine immer bedeutendere Rolle spielen, nicht nur für den Transportsektor, auch im Bereich Heizung und Industrie – Nummer zwei und drei bei den großen Emissionsverursachern in Südtirol. Die Studie führt den wachsenden Bedarf an Elektrizität an und berechnet den notwendigen Ausbau an erneuerbarer Energie – in Südtirol zum Großteil Solarenergie – für die kommenden Jahre. Im Kapitel Landwirtschaft werden die Emissionen sowohl der direkten landwirtschaftlichen Tätigkeit in Südtirol wie ihrer Vor- und Nachleistungen berechnet. Der größte Teil der Emissionen entfällt auf Methan und Lachgas aus der Viehhaltung. Eine mittelfristige Umstellung auf pflanzliche Kulturen in klimatisch günstigen Lagen sowie eine Extensivierung der Viehhaltung in hohen Lagen können Emissionen deutlich reduzieren, zeigt die Studie, ebenso verschiedene technische Maßnahmen und der Ausbau des ökologischen Landbaus. Als eine weitere wichtige Maßnahme wird die Umstellung auf recyclebare und energiearme Verpackungsmaterialien in der Obst- und Weinwirtschaft angeführt.

Die technische Studie von Eurac Research zeigt auf, dass die Energiewende für Südtirol auch Chancen bergen kann. Der Umbau des Südtiroler Gebäudebestands hin zu mehr Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energien etwa ist nicht nur in der Lage, die Emissionen massiv zu verringern, sondern bedeutet gleichzeitig eine Investition in die lokale Wirtschaft und in Arbeitsplätze vor Ort. Selbst produzierter erneuerbarer Strom reduziert die Stromkosten und reduziert die Abhängigkeit von stark schwankenden Märkten was wiederum die Resilienz steigert.

Zur Studie: https://www.eurac.edu/doi/10-57749-jy00-p949

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