24 Bände, vier Sprachen, zwei Idiome, eine Premiere: Zum ersten Mal liegt nun eine ladinische Schulgrammatik für Grundschulen vor. Erarbeitet von der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen und vom ladinischen Landesschulamt setzt die Grammatik „sowohl neue didaktische wie auch linguistische Standards“.

Diese Wertung ist indes nicht unsere, sondern stammt von Prof. Rico Cathomas von der Pädagogischen Hochschule Graubünden, der in einem Gutachten von einem „wahrlich mutigen und innovativen Projekt“ spricht. Der Schulgrammatik bescheinigt Prof. Cathomas, die grammatikalischen und orthografischen Regeln didaktisch so aufzubereiten, dass diese „lustvoll und nachhaltig gelehrt und gelernt werden“ könnten.

In jedem Fall schließt die Grammatik eine bis dato klaffende Lücke. „Alle bisherige Ladinisch-Grammatiken waren auf Erwachsene ausgerichtet, die schon Ladinisch konnten, wurden also als Nachschlagewerk konzipiert“, erklärt dazu Paul Videsott, Professor für Ladinistik an der unibz und seit kurzem auch Dekan der bildungswissenschaftlichen Fakultät. „Jetzt haben wir – ,endlich‘ muss man sagen – eine Grammatik eigens für Schüler, die ihrem Leistungsniveau angepasst ist.“ Das Werk sei zudem auch deshalb interessant, weil es die beiden Standbeine der ladinischen Abteilung der unibz in sich vereinige: die Sprachwissenschaft und die mehrsprachige Didaktik.

Vom anschaulichen Beispiel zur Regel
Was die Schüler weit mehr freuen wird: „Die Schulgrammatik erklärt alle Regeln der ladinischen Grammatik sehr einleuchtend, auch wenn es nicht immer leicht ist, diese auf Anhieb zu verstehen“, so Prof. Videsott. Sie tut dies mit einem innovativen, weil induktiven Ansatz: „Wir versuchen, alle Regeln in einen Kontext zu stellen und die Kinder so zu leiten, dass sie selbst auf die Regel kommen“, erklärt Ruth Videsott, Forscherin an der bildungswissenschaftlichen Fakultät der unibz und eine der federführenden Autorinnen. Es wird also nicht eine Regel aufgestellt, die dann mit Beispielen erklärt wird, sondern der Zugang ist der umgekehrte: Mit Hilfe von Beispielen wird eine Regel erst herausgearbeitet.
Damit den Kindern das auch Spaß macht, hat man sehr viel Wert auf die graphische Ausarbeitung und auf kindgerechte Illustrationen gelegt. So sind es zwei Tiere, die die Kinder durch die Bücher begleiten und darin klar zugewiesene Rollen einnehmen: ein wissbegieriger Steinbock stellt Fragen, eine weise Eule kennt die Antworten. Steinbock und Eule übernehmen damit die Rollen von Führern durch den Grammatikdschungel.

Eine Seite aus der Schulgrammatik

Nicht eine, sondern vier Sprachen
Selbstverständlich greift die Schulgrammatik für Grundschüler auch die Besonderheiten des ladinischen Schulsystems bzw. der ladinischen Didaktik auf. Schließlich lernt man in Gröden und im Gadertal nicht eine Sprache nach der anderen, sondern gleich drei, ab der vierten Klasse mit dem Englischen sogar vier gleichzeitig. Das spiegelt sich auch in der Schulgrammatik wider, in der alle vier Sprachen präsent sind und das schon seit Jahren in Ladinien etablierte Farbsystem aufgegriffen wird: Ladinisch ist grün, Deutsch rot, Italienisch gelb, Englisch blau. „Diese Farbzuordnung begleitet die Kinder vom Kindergarten bis in die Mittelschule“, so Ruth Videsott. Schon optisch können die Kinder die Sprachen also unterscheiden, zugleich werden grammatikalische Inhalte durch das Nebeneinander der Sprachen anschaulicher: „Die einzelne Sprache wird nicht isoliert aufgenommen, sondern immer mit Bezug auf die anderen Sprachen“, erklärt die Forscherin. „So erkennen die Kinder Gemeinsamkeiten und Unterschiede und das erleichtert den Spracherwerb.“

24 Bände für zwei Idiome
Entstanden ist so ein allumfassendes und daher auch umfangreiches Werk, das auf die Notwendigkeiten von Schülern und Lehrern abgestimmt wurde. So liegen nun insgesamt 24 Bände der ladinischen Schulgrammatik vor, die sich in vier Typen und zwei Idiome trennen lassen. Sowohl für das Grödnerische als auch für das Gadertalerische gibt es künftig also ein Grammatikbuch, mit dem zugleich erstmals auch die bis zur fünften Klasse zu erreichenden Standards festgelegt wurden. Dazu kommt je ein Arbeitsheft für jede einzelne Klasse, in dem eine Vielzahl von Übungen, Spielen und Rätseln enthalten ist, zu jedem dieser Hefte eine didaktische Handreichung mit Lernzielen, methodischen Anregungen und Lösungen sowie ein Konjugationsbüchlein.

Das umfangreiche Werk muss nun seinen Praxistext bestehen. „In diesem Schuljahr führen wir einen Testlauf der Grammatik an allen Grundschulklassen durch, schon im letzten Schuljahr gab es einen ersten Probelauf in den ersten Klassen“, erklärt Albert Videsott, Inspektor am ladinischen Landesschulamt. „Es geht uns darum, das Feedback der Lehrpersonen zu sammeln: sie sind vor Ort, sie bilden unsere Kinder aus, deshalb ist uns ihre Meinung wichtig.“


Zudem hat man sich bereits jetzt weitere ehrgeizige Ziele gesteckt: „Es bietet sich an, mit diesem Projekt bis hinauf zur Matura weiterzufahren“, gibt etwa Prof. Videsott die weitere Marschrichtung vor. Und: „Derzeit ist die Grammatik auf das Südtiroler Schulsystem ausgelegt, es wäre aber schön, wenn es ein gemeinsames Lehrmittel für die Schüler aller ladinischen Talschaften gäbe, weil sie dann auch eine gemeinsame Kompetenz erreichen würden.“ Ein großer Sprung für Steinbock und Eule…

Related Articles

Article
App per le confessioni e messe in streaming

Il distanziamento sociale è diventato il nostro pane quotidiano e mai come in questo momento siamo stati così dipendenti dai nuovi media e dalle nuove tecnologie. La loro adozione e diffusione ha subito una accelerazione che in tempi normali avrebbe richiesto anni per diventare realtà ed è ragionevole supporre che in molti casi non torneremo sui nostri passi, ma alcuni cambiamenti diventeranno la normalità anche nel periodo post-crisi. Questa “digitalizzazione forzata” influeza praticamente tutti, pervadendo i più disparati aspetti della nostra vita, dal lavoro alla scuola, dal modo in cui ci teniamo informati e interagiamo con gli altri fino al modo in cui viviamo la nostra stessa spiritualità e religiosità.

Article
A new compulsion to locality

In 2002 the sociologist John Urry defined contemporary man as subject with two fundamental drives: the compulsion to mobility and the compulsion to proximity. Although communication technology allows many of us to avoid the majority of physical movements, society – as well as our personal goals and desires – compels us to move through space in order to reach other bodies, with them we experience situations of proximity in other places. It is not only a matter of choice: there are widespread obligations and expectations in this sense. Urry calls this phenomenon, the globalisation of intermittent presence.

Article
Inklusive Bildung in der Zeit des Fernunterrichts

Unser italienisches Bildungssystem ist in der ganzen Welt dafür bekannt, inklusiv zu sein: ein System, das auf all seinen Ebenen, von der Kinderkrippe bis zur Universität, kein Kind oder Jugendlichen ausschließt. Dies ist schon unter normalen Umständen eine komplexe Aufgabe, in den außergewöhnlichen Zeiten des Fernunterrichts aufgrund der Coronavirus Pandemie nehmen diese Herausforderungen jedoch neue Formen an.

Article
Soziale Distanz - Digitale Nähe

Wir nehmen zurzeit wohl ungewollt am größten sozialpsychologischen Experiment der jüngeren Menschheit teil, an das wir uns noch viele Jahrzehnte lang erinnern werden. Die durch die Coronakrise verordnete soziale Distanz lähmt unsere Gesellschaft. In den sozialen Medien stehen Aufrufe wie „bleibt zu Hause“ und „haltet Abstand“ auf der Tagesordnung. #zerocontatti #iorestoacasa oder #stayathome sind die meistbenutzten Hashtags. Ohnmächtig warten wir ab, was als nächstes geschieht. Wir durften dramatisch erfahren, dass unsere Gesellschaft an Grenzen stößt und sogar Politiker, die die Coronakrise wie die Klimakrise leugnen wollten, haben festgestellt, dass es drastische Maßnahmen zur Eindämmung des Virus braucht.