Sprachwissenschaftler der EURAC haben die Einträge deutschsprachiger Südtiroler untersucht: Bei den jüngsten Teilnehmern an der Studie kommt Standarddeutsch nur sehr selten vor, aber auch ältere verwenden Dialekt. Doch das ist nicht das einzige Kennzeichen einer ganz neuen Art „schriftlichen Redens“.

Nehmen wir die Facebook-Seite des Südtiroler Landeshauptmanns: „Spannend!“ sagt Aivars Glaznieks, Sprachwissenschaftler am EURAC-Institut für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit. Wobei er nicht die politischen Botschaften meint. Was Glaznieks‘ Forscherinteresse weckt, sind Kommentare wie dieser: „Nor megs amol ebes tian arno weil a so gheat des nimmer weiter!!!!“, oder der: „Tuit mo luad… s gonze geld … kannt man bessa investiern“. Hier zeige sich nämlich deutlich, wie sehr der Südtiroler Dialekt in sozialen Medien Fuß gefasst hat, erklärt der Sprachwissenschaftler: „Und das längst nicht nur aufs Private beschränkt“. Den Eindruck, den Arno Kompatschers Facebook- Seite vermittelt, kann Glaznieks mit einer Studie belegen: Mit seiner Kollegin Jennifer Carmen Frey hat er untersucht, was 109 deutschsprachige Südtiroler im Laufe eines ganzen Jahres auf Facebook geschrieben haben – rund 35000 Einträge. Das Ergebnis: Dialekt hat einen festen Platz in der Social-Media-Kommunikation; wie häufig er verwendet wird, hängt aber stark vom Alter des Schreibenden ab. In der jüngsten Altersgruppe (zwischen 14 und 19) waren etwa zwei Drittel der Einträge im Dialekt, in der ältesten (über 60) nur etwa acht Prozent. So interessant Glaznieks die Ergebnisse im Detail fand, so wenig überraschte ihn die allgemeine Tendenz: Die bestätigt nur, was der junge Wissenschaftler täglich beobachtet, seit er vor fünf Jahren aus München nach Bozen zog. „Deutschsprachige Südtiroler reden untereinander im Dialekt – er ist ihre Muttersprache, die natürliche Art der Kommunikation. Die soziale Interaktion findet fast ausschließlich im Dialekt statt. Facebook ist soziale Interaktion: Es ist also völlig normal, dass dort im Dialekt geschrieben wird.“

Warum verwenden ihn dann die älteren Nutzer eher selten? Dahinter stecke weniger eine andere Haltung dem Dialekt gegenüber, erklärt Glaznieks; den Unterschied machten vielmehr verschiedene Schreibgewohnheiten. Wer heute fünfzehn oder zwanzig ist, für den ist schriftliche Kommunikation im Alltag normal – Teenagereltern, die ihre Kinder nur noch tippen sehen, haben das deutlich vor Augen. Sie selber wurden als Halbwüchsige noch ermahnt, nicht ständig am Telefon zu hängen. Wer ein Leben ohne soziale Medien kannte, der verbindet – je länger dieses Leben war, desto stärker – Schreiben in erster Linie mit der Produktion von Texten, mit Beruf oder Schule, mit „Schriftsprache“. Fragt Glaznieks bei älteren Leuten nach, begegnet er häufig der Überzeugung: „Dialekt schreibt man nicht“.

Im vor-digitalen Zeitalter galt dieses Prinzip in Südtirol tatsächlich, mediale Diglossie nennt es die Sprachwissenschaft: Geredet wurde im Dialekt, geschrieben in Standarddeutsch. Diese Aufteilung war fest im Bewusstsein verankert. Wer also am Telefon selbstverständlich fragte:„Hosch morgn Zeit?“, der schrieb, als SMS, Facebook & Co. aufkamen, zuerst einmal genauso selbstverständlich: „Hast du morgen Zeit?“ Zuerst einmal. Denn je vertrauter die „digitalen Immigranten“ (also Menschen, die in die digitale Welt nicht schon hineingeboren wurden) mit den neuen Medien wurden, desto häufiger nutzten sie sie auch im Dialekt. Südtiroler, die im Ausland lebten, nahmen diese Entwicklung oft ganz deutlich und mit mehr oder weniger Befremden wahr: Immer öfter waren E-Mails oder Textnachrichten aus der Heimat im Dialekt verfasst. Selbst steckte man vielleicht, in Augsburg oder London, noch in der medialen Diglossie fest – in Südtirol löste sie sich unverkennbar auf.

Durch die Social Media passiert etwas Spannendes: Es findet ein sprachlicher Ausbau statt - und keine Verarmung.

Andrea Abel

Und obwohl die einzige Regel die ist, dass man verstanden werden will, hat sich bei vielen Wörtern schon ein orthographischer Konsens herausgebildet. Einer für jedes Tal, wie beim Reden auch: „Votr“ für „Vater“ schreibt man im Vinschgau, „Voto“ im Pustertal. „Manche Wörter haben wir aber auch in unzähligen Varianten gesehen – eine Einigung schien da noch weit entfernt“, erzählt Glaznieks. Es scheint dennoch so, als etablierten sich in diesem Bereich eigene schriftliche Konventionen. „Man muss nicht mehr bei jedem Wort nachdenken: Wie schreibe ich das?“, betont Jennifer Carmen Frey. „Dialekt hat sich eine neue Domäne erobert“, fasst es Andrea Abel zusammen, die das EURAC-Institut für Fachkommunikation und Mehrsprachigkeit leitet. „Das betrifft aber nicht nur Südtirol, sondern auch andere Dialektregionen wie Graubünden, Tirol oder Bayern.“ Von einer neuen Dialektrenaissance würde sie allerdings nicht sprechen. Allein schon deshalb nicht, weil der Begriff bereits in den 1970er Jahren in der Wissenschaft dazu verwendet wurde, um auf ein steigendes Ansehen der Dialekte hinzuweisen. Dialekt wurde in der Folge weniger als Bildungshemmschuh, sondern als zusätzliche Kompetenz wahrgenommen. Und das teilweise hinterwäldlerische Image würde den Mundarten unter anderem auch durch Kabarett, Popmusik oder Werbung im Dialekt genommen. Die sozialen Medien seien da nur ein weiteres Element. In Südtirol könne von einem Aufschwung aber schon deshalb nicht die Rede sein, weil der Dialektgebrauch nie nachgelassen habe. Abel unterstreicht: „Studien haben gezeigt, dass der Dialekt bei uns in fast allen mündlich geprägten Domänen fest verankert ist und als angemessen betrachtet wird.“ Neu sei die zunehmende Verschriftlichung und Eroberung neuer Domänen.

Weshalb die Sprachwissenschaftler auch sehr skeptisch gegenüber politischen Interpretationen sind. Im Dialekt zu schreiben grenze viele aus? „Sprache tut das in gewisser Weise immer, es ist eine ihrer Funktionen, Zugehörigkeit zu signalisieren, Gemeinschaft zu stiften“, sagt Abel. Im Zeitalter der Globalisierung und im globalsten Medium überhaupt ziehen sich die Südtiroler in den Kokon der lokalen Mundart zurück? Gerade die jüngsten Nutzer, die am meisten Dialekt verwenden, zeigten „eine starke Hinwendung zu globalen Kontexten“, erwidert Aivars Glaznieks: Sie schreiben in vielen Sprachen, pflegen Kontakte in die ganze Welt. Wenn sich der Adressatenkreis vergrößert – durch den Erasmus-Austausch oder die Interrail-Tour – tauchen auch andere Sprachen auf. Dass der Dialektgebrauch im Internet Unbehagen gegenüber einer grenzenlosen Welt ausdrückt, dafür liefert die Studie der Sprachwissenschaftler jedenfalls kein Indiz. Was sich im Sprachgebrauch der sozialen Medien dagegen spiegelt, ist die soziale Realität, etwa das die Sprachgruppen trennende Südtiroler Schulsystem: In der Altersgruppe unter 20, wo Freundschaften stark von der Schule bestimmt werden, waren weniger als ein Prozent der Beiträge auf Italienisch, aber fast zehn Prozent auf Englisch.

Noch häufiger als englische sind in dieser Altersgruppe allerdings keiner Sprache zuordenbare Einträge wie Akronyme oder Emoticons. Ein deutlicher Hinweis, dass hier „etwas ganz Neues entsteht“, wie Andrea Abel sagt. Denn so dialogisch das Schreiben im Internet auch ist: „Man schreibt nicht genau so, wie man redet“, betont die Sprachwissenschaftlerin. „Hier entstehen neue Textformen, die in Südtirol stark dialektal geprägt sind, die aber insgesamt ganz eigene Charakteristiken haben: Durch die Social Media passiert etwas Spannendes: Es findet ein sprachlicher Ausbau statt - und keine Verarmung.“ Und wenn die sozialen Medien generell ein wunderbarer Spielplatz für Sprachexperimente und Wortschöpfungen sind, so haben Südtiroler noch ein Element mehr zur Hand, mit dem sie jonglieren können: die Zweisprachigkeit. „Morgen andiamo wiederamol a kraxelare“ oder „Des isch poko ma sikkuro“: solche Posts begeistern Glaznieks: „Da geht jemand wunderbar kreativ mit seinen Kompetenzen um.“ Jennifer Carmen Frey untersucht die gesammelten Facebooktexte zurzeit unter diesem Aspekt. Dass junge Leute anfangen, in der Schule so zu schreiben, wie sie es auf Facebook tun, fürchten die Wissenschaftler nicht. Studien dazu zeigten durchwegs, dass die Schüler die zwei Domänen sehr gut trennen können. Auch das EURAC-Institut hat für einen groß angelegten Vergleich der Schreibkompetenzen in Thüringen, Nordtirol und Südtirol zahlreiche Schulaufsätze analysiert. Indizien einer Vermischung beider Domänen gab es nicht. Ganz vereinzelt sei ein Smiley aufgetaucht, erzählt Glaznieks, „aber das war so gekonnt als Stilmittel eingesetzt, dass nicht von einer fehlenden, sondern von einer erweiterten Sprachkompetenz ausgegangen werden kann.“

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