© Landesmuseum Württemberg, P. Frankenstein / H. Zwietasch.

Forscher von Eurac Research und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte analysieren Knochenreste aus der Zeit zwischen 590 und 630 n. Chr.

1962 wurde in Niederstotzingen (Baden-Württemberg) ein alemannisches Gräberfeld mit menschlichen Skelettüberresten entdeckt. Nun haben Forscher von Eurac Research und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena (D) die Skelettüberreste auf ihre DNA überprüft. Dadurch konnten sie neben Geschlecht und Verwandtschaftsgrad auch die Herkunft der Bestatteten bestimmen und neue Erkenntnisse über die Gesellschaftsstrukturen im Frühmittelalter erlangen. Die Studienergebnisse zeigen, wie die genetische Forschung bisherige Erkenntnisse von Archäologen und Anthropologen ergänzen kann. Der wissenschaftliche Artikel ist kürzlich als Titelgeschichte im renommierten Fachjournal „Science Advances“ erschienen.

13 menschliche Skelette, Überreste von drei Pferden und ausgezeichnet erhaltene Grabbeigaben verschiedener Herkunft: Das Gräberfeld, das in der Nähe einer Römerstraße bei Ulm entdeckt wurde, gilt als eines der bedeutendsten Alemannengräber in Deutschland. Es setzt sich aus Einzel- und Mehrfachgräbern zusammen. Archäologen hatten bereits an den verschiedenen Fundschichten abgeleitet, dass die Personen nicht gleichzeitig bestattet worden waren. Bisher wusste man, dass es sich dabei um ranghohe Krieger und ihr Gefolge handelte, die molekulargenetischen Untersuchungen bringen nun neue Details über die Bestatteten und ihre letzte Ruhestätte ans Licht.

Mehrfachgrab in Niederstotzingen, Detail im roten Kreis: Kamm mit Etui

Mithilfe der DNA-Analyse rekonstruierten die Forscher sowohl die mütterliche als auch die väterliche Verwandtschaft. Anhand von Zahnproben stellten die Wissenschaftler fest, dass fünf der Individuen in erster oder zweiter Linie miteinander verwandt waren. Darüber hinaus zeigen die Bestatteten unterschiedliche genetische Herkunftsmuster, die Wurzeln im mediterranen bzw. nordeuropäischen Raum andeuten. „Diese Ergebnisse belegen bemerkenswerte, überregionale Kontakte. Die gemeinsame Bestattung bringt außerdem eine über den Tod hinausgehende Verbundenheit zwischen der Familie und ihrer Gefolgschaft zum Ausdruck“, erklärt Niall O´Sullivan, der am Forschungszentrum Eurac Research promoviert und einen Teil der Analysen am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena durchgeführt hat.

Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die Grabbeigaben fränkischen, langobardischen und byzantinischen Ursprungs, mit denen die Mehrfachgräber ausgestattet waren. Deren vielfältige Herkunft in Kombination mit den neuen genetischen Daten deuten auf eine kulturelle Offenheit hin und belegen, wie Mitglieder derselben Familie womöglich unterschiedlichen Kulturen zugewandt waren.

Frank Maixner im Labor

Neben der Verwandtschaftsanalyse unterzogen die Forscher die Individuen auch einer molekularen Geschlechtsbestimmung. Eines der Skelette wies nämlich einen grazilen Körperbau auf und konnte daher nicht sicher als männlich oder weiblich bestimmt werden. „Anthropologen ermitteln das Geschlecht von Skelettfunden anhand spezifischer körperlicher Geschlechtsmerkmale, fehlen jedoch bestimmte Knochenregionen kann dies die Geschlechtsbestimmung erschweren. DNA-Analysen eröffnen diesbezüglich neue Wege - in diesem konkreten Fall konnten wir das jugendliche Individuum molekular als männlich identifizieren und somit ausschließen, dass es sich dabei um eine frühmittelalterliche Kriegerin handelte“, erläutert Frank Maixner, Mikrobiologe am Instituts für Mumienforschung von Eurac Research.

Die erheblichen Fortschritte, die in der Molekulargenetik in den letzten Jahren erreicht wurden, erlauben bislang unbeantwortete Fragen neu aufzuwerfen und historische sowie archäologische Erkenntnisse zu ergänzen. „Die Gräberstudie in Niederstotzingen ist ein Paradebeispiel dafür, wie wir Archäologen und Anthropologen mit neuen Methoden unterstützen können, um offene Fragestellungen im regionalen Kontext zu vertiefen“, so Maixner abschließend.

Related Articles

Article
Il monte Sole in val Venosta: un'isola steppica in Alto Adige

Le zone steppiche sono ecosistemi ricchi di flora e fauna che si sono adattati a condizioni climatiche particolari, caratterizzate da siccità e grandi oscillazioni di temperatura. Queste aree sono al centro di un ampio studio internazionale guidato dall’Università di Innsbruck. I ricercatori – tra loro gli esperti di ambiente alpino di Eurac Research - hanno preso in esame le specie animali e vegetali che abitano le zone steppiche di diversi continenti, dalla Spagna al Kazakistan, arrivando a conclusioni sorprendenti. Tra le aree oggetto dello studio anche le isole steppiche delle Alpi interne come la Val Venosta.

Article
Wie ist es um die Fischfauna im inneralpinen Raum bestellt?

Die Wasserqualität der heimischen Gewässer hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Chemische Substanzen wie Nitrat, Aluminium, Kupfer, Ammoniak liegen weit unter den gesetzlichen Grenzwerten. Das zeigt eine neue flächendeckende Studie im Großraum Tirol. Es sind jedoch andere Faktoren, die einen Einfluss auf die Anzahl und Vielfalt unserer Fische haben. So etwa Verbauungen, Kläranlagen, das Umland der Gewässer und wie es genutzt wird oder die Anwesenheit fischfressender Vögel. Erstmals wurden diese und andere Einflussfaktoren in einer groß angelegten Studie zum alpinen Fischbestand in ganz Süd-, Nord- und Osttirol berücksichtigt und miteinander kombiniert.

Article
Das Artensterben im Bauch

Billionen Mikroorganismen leben am und im Menschen, die meisten im Darm. Doch unser Lebensstil lässt die Vielfalt dieser Bakterienbesiedelung dramatisch schrumpfen – mit weitreichenden Folgen für unsere Gesundheit. Weltweit arbeiten Wissenschaftler deshalb daran, das Wissen über das Mikrobiom zu erweitern. Einen wichtigen Beitrag zu dem hochaktuellen Forschungszweig leisten auch die Mumienexperten von Eurac Research.

Article
Donne migranti e violenza: un aiuto dalla ricerca

Le esperte di violenza di genere lo chiamano paradosso nordico. Un fenomeno sul quale il mondo scientifico si interroga. Il punto è questo: perché, in Paesi dove le pari opportunità di genere sono consolidate, quelli scandinavi, il fenomeno della violenza sulle donne non diminuisce? Sono per lo più donne le artefici di questi studi. Una di loro è Marina Della Rocca, giovane ricercatrice, antropologa, appassionata operatrice nei Centri antiviolenza. Con la sua tesi di dottorato ha seguito il doppio binario dello studio e della pratica sul campo, concentrandosi sulla violenza di genere nelle donne con background migratorio.