Worauf müssen sich Arbeitgeber beim Eintritt der Millennials in den Arbeitsmarkt einstellen? Marjaana Gunkel hat sich in einer Studie dem Phänomen der Helikopter-Eltern und ihren Folgen gewidmet.

Es gibt Situationen im Alltag mit ihren beiden Kindern, in denen Marjaana Gunkel kurz innehält und sich fragt: Bin ich gerade dabei, zu helikoptern? Eine Frage, die in ihrem Fall beruflich beeinflusst ist. Schließlich setzte sich die gebürtige Finnin, die seit drei Jahren eine Professorinnenstelle für Organisation and Human Resources Management an der Freien Universität Bozen hat, im Rahmen ihres Start-up-Projekts in Bozen ausführlich mit dem Thema der Helikopter-Eltern auseinander.

Human Resource Management in the 21st century lautete der Titel ihres ersten großen Forschungsprojektes nach einem Umzug von Magdeburg nach Bozen. Teil davon war eine Studie, die Gunkel gemeinsam mit zwei US-amerikanischen Kolleginnen zum Phänomen der sogenannten helicopter parents, auf Deutsch auch Hubschrauber-Eltern genannt, durchgeführt hat. Ein Phänomen, das vor allem im vergangenen Jahrzehnt immer breiter diskutiert wird und überfürsorgliche Eltern beschreibt, die sich – zumindest im Vergleich zum Erziehungsstil früherer Generationen - exzessiv in das Leben ihrer Kinder einmischen.

Die Gründe dafür sind vielfältig und reichen vom Perfektionszwang unserer heutigen Leistungsgesellschaft bis hin zum demografischen und sozialen Wandel, der zu Familien mit weniger Kindern und späterer Elternschaft führt. Welche Auswirkungen es auf Kinder hat, wenn Mama und Papa ständig um sie herumschwirren und sich in den Streit in der Sandkiste genauso einmischen wie sie bei jeder schlechten Note in der Schule aufmucken, ist mittlerweile Gegenstand zahlreicher Studien. „Die meisten davon befassen sich mit Kindern und Jugendlichen“, sagt Marjaana Gunkel. Sie dagegen war im Rahmen ihres Forschungsprojektes zur Personalführung im 21. Jahrhunderts daran interessiert, wie sich die Kinder von Helikopter-Parents auf dem Arbeitsmarkt verhalten. Deshalb nahm sie sich gemeinsam mit ihren US-Kolleginnen eine Gruppe zur Befragung vor, die kurz vor dem Einstieg ins Berufsleben steht: Jede der drei Forscherinnen befragte dafür an der eigenen Fakultät rund 100 Studierende kurz vor dem Bachelorabschluss.

Das Ergebnis legt nahe, dass die sogenannten Millennials, auch Generation Y genannt, tatsächlich stark von dem Phänomen geprägt sind. Auf die Frage, wie oft ihre Eltern einen „rotierenden“ Erziehungsstil an den Tag legen, lieferten die Studierenden einen Mittelwert zwischen 30 und 50 Prozent der Zeit. Entgegen der Erwartungen der Forscherinnen gab es dabei keine nennenswerten Unterschiede zwischen den Ergebnissen an amerikanischen Campussen und an der Uni in Bozen, sagt Gunkel. Dafür hätte sich sowohl in den USA gezeigt, dass Mütter weit häufiger als Väter als Helikopter-Parent fungieren – und die Auswirkungen auf die Kinder in dem Fall noch gravierender sind.

Denn so positiv es an sich ist, wenn Kinder umsorgt und geliebt werden, hinterlässt eine Helikopter-Elternschaft durchaus negative Spuren, ist mittlerweile wissenschaftlich belegt. Auf den Arbeitsmarkt bezogen, fällt dabei vor allem ins Gewicht, dass diese Kinder nicht gelernt haben, sich selbst zu organisieren, mit Schwierigkeiten umzugehen und Niederlangen hinzunehmen, erzählt die Forscherin und Uni-Professorin. „Are helicopter parents creating a generation of WUSI employees?“, fragen Gunkel und ihre Co-Autorinnen in der gemeinsamen Studie. Das Akronym WUSI steht dabei für waspishness, umbrageous sensitivity and insecurity – also Beschäftigte, die reizbar, übertrieben empfindlich und unsicher sind. „Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass solche Menschen ein Feedback eines Vorgesetzten als weit negativer und verletzender bewerten als es andere empfinden“, erklärt Gunkel. Des Weiteren bräuchte diese Helikopter-Generation weit mehr Struktur, Unterstützung und Lob als vorhergehende Generationen. „Die Herausforderung für das Management besteht darin, dass es immer mehr Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt, die mit Autorität nicht wirklich klarkommen, Angst haben, etwas falsch zu machen und viel Begleitung brauchen.“

Direkte Empfehlungen, wie damit umzugehen ist, gibt die Studie laut Gunkel zwar nicht. Doch sie soll vor allem das Bewusstsein dafür schärfen, dass die Generation, die nun auf den Arbeitsmarkt nachrückt, etwas anders tickt. Nicht nur in den USA, auch in Südtirol zeigt sich dies auch daran, dass zunehmend Eltern bei Bewerbungsgesprächen mitkommen oder zumindest die Praktikumsplätze ihrer bereits erwachsenen Kinder organisieren. „Vor allem in den USA reagieren immer mehr Unternehmen auf das Phänomen – zum Beispiel mit Initiativen wie ‚Bring-your-parents-Days’“, erzählt Marjaana Gunkel. Samthandschuhe und väterliche bzw. mütterliche Fürsorge werden also in der Personalführung immer gefragter. Es sei denn, auch immer mehr Eltern nehmen sich die Ergebnisse solcher Studien zu Herzen – und fahren ihre Rotorenblätter wieder ein wenig ein. Marjaana Gunkel zumindest versucht dies jedes Mal, wenn sie an sich Helikopter-Tendenzen beobachtet. „Ich erinnere mich dann einfach an meine eigene Kindheit und was ich alles alleine gemacht habe“, sagt sie.

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