Was erleben Frauen auf der Flucht? Ihre vielfach traumatischen Erfahrungen bleiben in der Öffentlichkeit meist ungesehen. Sabine Tiefenthaler hat geflüchtete Frauen darin unterstützt, ihren Geschichten mit Bildern und Worten Sichtbarkeit zu verleihen.

In einem Erstaufnahmezentrum in Sardinien sitzt eine junge nigerianische Frau ganz vertieft über ihren selbst geknipsten Fotos. Sie versucht, ihre Gedanken und Gefühle zu ordnen, die bei den jeweiligen Bildern auftauchen. Sie schmunzelt über einen gelungenen Schnappschuss, doch beim nächsten Foto wechselt ihr Gesichtsausdruck. „Wenn ich auf der Straße gehe, denken alte italienische Männer, dass alle schwarzen Mädchen nur Prostituierte sind. Sie sagen immer ‚Andiamo, andiamo!‘ oder ‚Quanto costa?‘. Sie sollen aufhören, alle schwarzen Mädchen so zu sehen, denn nicht alle schwarzen Mädchen sind so. Wir haben unsere eigene Geschichte, unsere eigenen Erfahrungen. Ich möchte sagen, dass auch wir Menschen sind und nicht als Sexobjekte gesehen werden wollen.“

Eines der vielen beeindruckenden Beispiele aus einem PhotoVoice-Projekt, das Sabine Tiefenthaler im Rahmen ihrer Doktorarbeit von und mit jungen nigerianischen Frauen gemacht hat. Seit knapp einem Jahr ist die gebürtige Österreicherin zurück von einem fünfjährigen Studien- und Forschungsaufenthalt in Sardinien. Mit im Gepäck, ihre nun im Oktober mit dem Förderpreis des Beirats für Chancengleichheit ausgezeichnete Arbeit, die sie an der Fakultät für Bildungswissenschaften der unibz zum Thema Resilienzprozesse von geflüchteten Frauen* schrieb.

„Eine bezeichnende erste Erkenntnis hierbei war, dass die Frauen, um die es hier eigentlich ging, nie in die Entscheidungen mit einbezogen wurden. Es wurde von außen über sie entschieden und diese Kontrolle zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Forschungsarbeit.“

Die Forscherin war schon durch ein ähnliches Projekt in Wien mit unbegleiteten minderjährigen geflüchteten Mädchen aus Somalia darauf vorbereitet, dass der Zugang zu ihrem Forschungsfeld außerordentlich schwierig werden würde. Die meisten Einrichtungen lehnten von vornherein ab, vielleicht, um den Schutzauftrag gegenüber den Frauen zu gewährleisten, aber auch, weil sie Forschung in ihrem Bereich gar nicht erst zulassen wollten. „Eine bezeichnende erste Erkenntnis hierbei war, dass die Frauen, um die es hier eigentlich ging, nie in die Entscheidungen mit einbezogen wurden. Es wurde von außen über sie entschieden und diese Kontrolle zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit“, erklärt Tiefenthaler. Über Umwege gelang es ihr, in Sardinien Zugang zu Notaufnahmezentren herzustellen, wo ihre Arbeit über geschlechtsspezifische Missstände begrüßt wurde und insgesamt 15 geflüchtete Nigerianerinnen im Alter zwischen 20 und 25 Jahren autonom entscheiden konnten, an diesem Studienprojekt teilzunehmen. Ein knappes Jahr lang hat die Forscherin diese Frauen in ihrem Alltag als Asylwerberinnen begleitet.

Am Beginn ihrer ethnographisch-partizipativen Studie zu den Resilienzprozessen, also zur Frage, wie Frauen in so schwierigen Lebenssituationen ihre Widerstandskräfte und Stärken entwickeln können, war es Sabine Tiefenthaler wichtig, eine Vertrauensbasis aufzubauen. Dafür wandte sie die Methode der teilnehmenden Beobachtung an. Mehrmals pro Woche war die Forscherin in den Einrichtungen, hat teilgenommen am Leben der Frauen und konnte so Beziehungen aufbauen, ohne die ihre gesamte Studie nicht möglich gewesen wäre.

"Ein wesentlicher Punkt bei diesem Projekt ist, dass nicht ich als Forscherin den geflüchteten Frauen eine Stimme gebe, sondern dass sie eine Stimme haben. Sie brauchen nur eine Plattform, wo sie gehört werden.“

Im partizipativen Teil ist in Zusammenarbeit mit der Fotografin Gemma Lynch das PhotoVoice-Projekt „Immigrant Sisterhood“ entstanden, dem die Frauen selbst ihren Namen gegeben haben und an dem sie von Beginn an beteiligt waren. Mit dieser Methode des Ausdrucks, bei dem die Fotos die Geschichten ihrer Erlebnisse in Sardinien erzählen, wollten sie aufmerksam machen auf die intersektionale Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe und ihres Bildungsstandes. Diese reichte von täglichen sexuellen Belästigungen, von Retraumatisierungen, weil bei Anhörungen in den jahrelangen Asylverfahren die Glaubwürdigkeit ihrer körperlichen und sexuellen Gewalterfahrungen infrage gestellt wurden bis hin zur Tatsache, dass sie keinen Zugang zum Arbeitsmarkt erhielten.

Ein wesentlicher Punkt bei diesem Projekt ist, dass nicht ich als Forscherin den geflüchteten Frauen eine Stimme gebe, sondern dass sie eine Stimme haben. Sie brauchen nur eine Plattform, wo sie gehört werden.“ Die Lebenswelt dieser Frauen findet selten mediale Aufmerksamkeit und wenn, dann werden sie als arm und hilfesuchend in einer Opferrolle dargestellt. Im PhotoVoice-Projekt ging es deshalb auch insbesondere darum, diese stereotypen Opferbilder zu durchbrechen, indem die Frauen in ihren jeweiligen Lebenssituationen so dargestellt werden, wie sie sich präsentieren möchten. Eine eindrucksvolle Art, um aufzuzeigen, welche Widerstandskraft sie haben, um in dieser Welt mit ständiger sexueller Belästigung und intersektionaler Diskriminierung zurechtzukommen. Als Resilienzfaktoren arbeitete Tiefenthaler beispielsweise das Schweigen, das Sich-Zurückziehen nach fehlender Unterstützung von außen heraus, ebenso wie die Strategie, sich nicht mehr allein, sondern immer in kleinen Gruppen oder mit Kleinkindern im öffentlichen Raum zu bewegen.

Im Zuge dieses Projekts ist auch die Ausstellung „Immigrant Sisterhood“ entstanden, die schon an mehreren Orten zu sehen war. Mit ihren Fotos und Ausführungen zu den Themen, die ihr Leben in Sardinien dominieren, werden die Frauen sichtbar, mit ihren individuellen und meist schmerzvollen Geschichten und mit ihrem Wunsch nach Respekt und einem Platz in dieser Welt.

Für Sabine Tiefenthaler ist der Förderpreis des Beirats für Chancengleichheit eine wertvolle Anerkennung für die Arbeit, mit der sie und ihre Projektgruppe Randgruppen sichtbar machen. „Ich finde es wichtig, dass man über Themen spricht, die normalerweise nicht so zum Alltag gehören, die auch belastend, aber trotzdem Teil des Lebens sind“, betont Tiefenthaler.

Mit ihrer Doktorarbeit ist die Sozialforschung von Sabine Tiefenthaler noch lange nicht zu Ende, denn seit Dezember 2021 arbeitet und forscht sie am Kompetenzzentrum für Soziale Arbeit und Sozialpolitik der unibz.

Photo credit: Eurac Research/Ivo Corrà

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