© Mark Claus

Wir nehmen zurzeit wohl ungewollt am größten sozialpsychologischen Experiment der jüngeren Menschheit teil, an das wir uns noch viele Jahrzehnte lang erinnern werden. Die durch die Coronakrise verordnete soziale Distanz lähmt unsere Gesellschaft. In den sozialen Medien stehen Aufrufe wie „bleibt zu Hause“ und „haltet Abstand“ auf der Tagesordnung. #zerocontatti #iorestoacasa oder #stayathome sind die meistbenutzten Hashtags. Ohnmächtig warten wir ab, was als nächstes geschieht. Wir durften dramatisch erfahren, dass unsere Gesellschaft an Grenzen stößt und sogar Politiker, die die Coronakrise wie die Klimakrise leugnen wollten, haben festgestellt, dass es drastische Maßnahmen zur Eindämmung des Virus braucht.

Wir - und mit uns der Großteil der Welt – befinden uns in häuslicher Ausgangssperre und dürfen nur mehr ausschließlich mit jenen Personen in direkten Kontakt treten, die im selben Haushalt leben. Die Proxemik kann uns helfen, zumindest die Konturen der Auswirkungen sozialer Distanzierung zu hinterfragen. Es handelt sich dabei um einen wissenschaftlichen Zugang, der in den 1960ern von dem amerikanischen Anthropologen Edward T. Hall entwickelt wurde, um den Umgang des Menschen mit seiner räumlichen Umgebung als kulturelles Produkt zu verstehen. Ein Konzept der Proxemik ist außerdem die physische Distanz zwischen den Menschen im Rahmen einer sozialen Interaktion. Diese unterscheidet sich nicht nur von Kultur zu Kultur, sondern auch anhand unterschiedlicher Arten sozialer Räume. In südlichen Ländern, wie Südeuropa oder Afrika, gibt es kaum Berührungsängste zwischen den Menschen. Körperkontakt gehört wie selbstverständlich zur Interaktion, während in nördlichen Ländern oder auch in Japan wenig körperliche Nähe gepflegt wird. So unterscheiden sich die Distanzen auch dahingehend, ob es sich um einen öffentlichen oder privaten Raum oder ein öffentliches Transportmittel handelt.

Dimensionen der Distanz

Hall definiert vier unterschiedliche Dimensionen der Distanz: die intime, die persönliche, die soziale und die öffentliche Distanz. In seiner Studie definiert er sogar die Messweite: so reicht die intime Distanz bis zu 40 cm, die persönliche Distanz von 45 cm bis 125 cm, die soziale Distanz von 120 cm bis 360 cm und die öffentliche Distanz über 360 cm. Eine intime Distanz besteht etwa zwischen Partnern oder Eltern und ihren Kindern. Bei der persönlichen Distanz besteht zwar kein körperlicher Kontakt, es ist jedoch eine Distanz des Vertrauens, wie sie zwischen Freunden oder Familienmitgliedern gepflegt wird, während sie miteinander sprechen und in Kontakt treten. Die soziale Distanz betrifft zum Beispiel die Interaktion zwischen Arbeitskollegen oder formellere Interaktionen, bei der auch die Stimme bereits verändert werden muss. Die öffentliche Distanz ist schließlich jene, wo es bereits eine Hierarchie zwischen Sprecher und Zuhörer gibt, wie etwa bei Meetings oder Seminaren. Aber was passiert nun, wenn diese sozialen Distanzen zwischen den Menschen auf einmal von außen verfügt werden und nur mehr eine „soziale“ oder „öffentliche“ Distanz (idealerweise 2 Meter) erlaubt ist?
Zwar wissen wir, dass soziale Distanzierung nicht die Lösung des Problems sein wird, aber ein nötiger Schritt, um der Ausbreitung des Coronavirus entgegenzuwirken. Davon ist zumindest ein Großteil der Bevölkerung überzeugt, auch wenn es immer noch manche Ausnahmen gibt. Die aktuell geforderte soziale Distanzierung schafft allerdings eine bisher noch nie dagewesene Situation. Die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft und auf uns als Individuen sind noch nicht absehbar. Einige ökonomische Effekte sind sofort zu erkennen, wie etwa im Dienstleistungssektor oder in speziell personenbezogenen Diensten. Was uns auf psychologischer und sozialer Ebene erwartet, ist schwer auszumalen.

Periskop soziale Medien

So kann die Coronapandemie auch eine Pandemie der Einsamkeit, Ausgrenzung und sozialen Ungleichheit bedeuten. Im Unglück der Stunde werden neben dem Telefon die sozialen Medien zur einzigen Möglichkeit, soziale Kontakte nach außen aufrecht zu erhalten. Mark Zuckerberg warnt schon vor einem Kollaps von WhatsApp; Facebook wird zum neuen Kommunikationsmittel zwischen Politikern und Bevölkerung und Instagram, TikTok und andere Kanäle werden genutzt, um die Erlebnisse der eigenen Quarantäne mit Freunden und der Welt zu teilen, online Live-Konzerte oder Yogastunden anzubieten. Ohne die sozialen Medien würde dieses Experiment vermutlich viel schneller scheitern. So können zumindest Emotionen und soziale Interaktionen online geschehen. Dort in diesem virtuellen „Raum“ ist alles möglich und so manche fühlen sich dort frei, so richtig „Dampf abzulassen“.
Nun, was bedeutet dies aber für die Gesellschaft und den Umgang der Menschen mit dem sozialen Raum? Der soziale Raum ist ein soziales Produkt. Er ist in seinen verschiedenen Formen eine „gefühlte Gemeinschaft“, weil er auf Wertorientierung und Zusammengehörigkeitsgefühl aufbaut. Ob dies jedoch eins zu eins von der reellen in die virtuelle Welt übertragen werden kann, ist fraglich. Studien belegen, dass der erhöhte Konsum von sozialen Medien signifikant mit einer erhöhten Depression verbunden ist. Im Moment scheint aber, dass die sozialen Medien der einzige soziale Raum sind, wo die unterschiedlichen Formen der Distanz, wie oben beschrieben, außerhalb der eigenen vier Wände noch möglich sind. Sie bieten Mittel und Wege, diese verordnete Distanzierung auszuhalten, Solidarität auszusprechen, Informationen und psychologische Unterstützung anzubieten. Zu welchem Preis? Das wird sich zeigen. Vermutlich werden Probleme wie häusliche Gewalt, Gewalt an Kindern, Alkohol- und Drogenkonsum und andere bereits dramatische Situationen trotz sozialer Medien intensiviert. Schon jetzt fragt man sich in Städten wie Paris, wie lange es wohl dauern wird, bis die Situation in den Banlieues eskaliert und das soziale System zusammenbricht, wenn so viele Menschen gezwungen werden, auf kleinstem Raum zusammenzuleben. Die Auswirkungen einer Epidemie sind immer nur in Verbindung mit komplexen sozialen und wirtschaftlichen Umständen zu spüren.

Mut zur Veränderung

In „The Fate of Rome” hat der Historiker Kyle Harper aufgezeigt, wie das Zusammenspiel von Klima und Epidemien den Fall Roms beschleunigt haben. Auch in diesem Fall, war die Kombination aus Epidemien und der zugrunde liegenden strukturellen Schwächen und geopolitischen Ereignissen, die dem Römischen Reich die Widerstandskraft nahmen. Der große Unterschied ist heute sicherlich der Zugang zu Informationen und die Konnektivität durch die sozialen Medien. Unsicherheit und Angst sind vermutlich damals wie heute unverändert. War es früher die Furcht vor dem Zorn der Götter, so ist es heute die massive Verunsicherung durch Verschwörungstheorien und Fake News, die en masse durch die sozialen Medien geistern. Aber auch hier schließen sich Gleichgesinnte in ihrem virtuellen, sozialen Raum, ihrer Filterbase, ein. Nicht selten unbewusst, gesteuert durch Algorithmen und Filter.
Der Wunsch nach der Wiederherstellung sozialer Ordnung ist groß. Die Geschichte hat gezeigt, dass Gesellschaften biologische Schocks bis zu einem bestimmten Grad überleben können, jedoch aber die Kombination aus sozialen, wirtschaftlichen und klimatischen Begebenheiten auch zu einem Zusammenbruch führen können. Die Krise öffnet also auch Möglichkeiten an neue Gesellschaftsformen zu denken, wie etwa die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Ob unsere Gesellschaft jedoch so weit ist, hängt von jeder und jedem Einzelnen ab. Ob wir eine Veränderung anstatt einer Rückkehr in den status quo anstreben, wird ausschlaggebend sein. Vermutlich wird es noch eine Weile dauern, bis sich die physische Distanz wieder reduzieren wird, die Skeptik und Angst wird noch lange an uns haften bleiben.


Ingrid Kofler ist Soziologin am Center for Advanced Studies von Eurac Research. Durch die Ausgangssperre waren sie – und ihre Kinder - das erste Mal so richtig froh, am abgelegen Deutschnonsberg mitten in der Natur zu wohnen.

Dieser Beitrag erschien erstmals am 1. April 2020 auf dem Blog „Covid-19 And Beyond” von Eurac Research

 

 

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