Norbert Parschalk forscht, wie Geschichtsbewusstsein geweckt werden kann. Seine von Jochen Gasser illustrierte Biographie über Kaiserin Sissi enthält die Essenz seiner Erkenntnisse.

Größe:1.72, Gewicht; 47 bis 50 Kilo, Taille 51 Zentimeter: Schönheit wurde bereits vor mehr als 150 Jahren mit Schlankheit gleichgesetzt. Zumindest von einer der mythenumwobensten Figuren des Habsburgerreichs. Kaiserin Elisabeth, allseits bekannt als Sissi, liebte nicht nur Merans Promenaden und Berge, sie gilt auch als eines der ersten öffentlich bekannten Opfer des Schlankheitswahns. „Sie hat sich teilweise nur von Milch und Orangen ernährt und zeigte Symptome von Unterernährung wie Wasser in den Beinen“, sagt Norbert Parschalk.

Der Zeithistoriker und Forscher an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen kennt viele solcher Details aus dem Leben der Kaiserin. Schließlich hat er 2015 ein halbes Jahr mit Sisi verbracht – indem er viele tausende Seiten an Literatur und Originalquellen wie Elisabeths poetisches Tagebuch sichtete. Das Ergebnis dieser umfangreichen Recherche sind gerade einmal 80 großzügig illustrierte Seiten. „In der Fachsprache nennt man das didaktische Reduktion“, sagt der Forscher, „die Fähigkeit, das eigene Wissen für das jeweilige Zielpublikum so zu reduzieren, dass es dort auch ankommt.“ Im Fall seiner Bücher bedeutet dies: kürzen, kürzen, kürzen. „Ich sage, kriminell kürzen, denn oft tut es richtig weh“, sagt der Geschichtsdidaktiker.

Doch der Schmerz lohnt sich. Das zeigt sich nun bereits zum dritten Mal bei diesem neuen Format von Geschichtsbuch, das Nobert Parschalk mit dem Grafiker und Illustrator Jochen Gasser entwickelte. 2007 war nach einem zufälligen Wiedersehen des früheren Oberschullehrers Parschalk und seines einstigen Schülers Gasser für das Andreas-Hofer-Gedenkjahr der Prototyp entstanden. Anhand des Tiroler Freiheitshelden entwickelte das Duo ein Format und eine Arbeitsmethode, die sich in der Zwischenzeit auch in einem Band über den Bauernführer Michael Gaismair und nun über Kaiserin Elisabeth bewährten:

Der Historiker Parschalk recherchiert und legt einen ersten, noch recht umfangreichen Entwurf inklusive historischem Fotomaterial vor. Jochen Gasser trifft daraus eine Auswahl für seine Illustrationen. Sobald diese stehen, passt Parschalk seine Texte daran an – die „schmerzhafte“ zweite Runde. „Eine unserer Grundregeln ist, dass keiner dem anderen reinredet“, sagt der Forscher von unibz. Denn gerade die Mischung aus kreativer Freiheit und historischer Genauigkeit macht für ihn den Reiz der Bände aus. „Jochen bringt spielerische Momente hinein, die mir als Pädagogen und Didaktiker nie einfallen würden, und befreit das Ganze so von zu viel Oberlehrerhaftem.“ Gleichzeitig sorgt Parschalk als Historiker für die Seriosität der Biographien. „Alles, was in unseren Büchern zu lesen ist, ist historisch belegt und jedes Zitat ein Originalzitat“, sagt er.

Norbert Parschalk und Jochen Gasser

Wie zum Beispiel der Ausspruch „Ich bin die Sklavin meiner Haare“, mit der ein Kapitel über die „Steckkbrieffrisur“ von Kaiserin Elisabeth übertitelt ist. Darin wird erzählt, wie sie ihr Haar alle 14 Tage stundenlang mit einer Mixtur aus 12 Eidottern, französischem Cognac und anderen Essenzen pflegte und sich beim langen Stillsitzen mit dem Lernen von Ungarisch ablenkte. Klarerweise wird die ganze Prozedur auch auf amüsante Weise bildlich dargestellt – genauso wie beim Text über ihre Schlankheit, die Jochen Gasser mit einer Abbildung von Sissis 51-Zentimeter-Taille im Maßstab 1:1 so richtig greifbar macht. Erst recht, wenn sich die viel zu beengten Organe der Kaiserin darauf über die „blöde Schnürerei“ erregen.


Bilder, an denen sich Kinder genauso erfreuen wie Jugendliche oder ihre Eltern und Großeltern. „Crossover“ nennt Norbert Parschalk die Zielgruppe seiner Biografien. Deren ganze Vielfalt zeigte sich auch bei mehr als 200 Buchvorstellungen des Andreas-Hofer-Bandes, zu denen das Duo Parschalk-Gasser in so unterschiedliche Locations wie Grundschulklassen und Seniorenheime geladen wurde. „Das Schöne ist, dass jeder in den Büchern etwas Anderes entdeckt, und somit auch das generationsübergreifende Lesen zu einer Bereicherung für alle wird“, sagt der Forscher der unibz.

Doch kann seine Arbeit an den biografischen Bänden tatsächlich als Forschung bezeichnet werden? Es ist ein Produkt seiner Forschung, antwortet Norbert Parschalk. Und zwar nicht nur, was die historische Recherche betrifft. „In diesen Büchern sind alle meine didaktischen Erkenntnisse enthalten, alles, was ich lehre, setzte ich darin um.“ Angefangen bei der Erkenntnis, dass die Vergangenheit viel zu komplex und das heutige Wissen viel zu umfangreich ist, „um sie zwischen zwei Buchdeckel zu bringen“, wie Parschalk meint. Darum bringe es auch wenig, die Weltgeschichte in Schulen möglichst detailgenau abarbeiten zu lassen. „Ich verwende Geschichtswissen nur, um Geschichtsbewusstsein zu fördern und zu festigen, um Kinder Empathie entwickeln zu lassen und ihnen so zu ermöglichen, sich in diese Zeit hineinzuversetzen“, sagt er. Dafür brauche es Aufhänger, mit denen Aufmerksamkeit und Neugier geweckt werden und eigene Fragen entstehen.

Gerade deshalb arbeiten Parschalk und Gasser in ihren Biografien damit, ihre historischen Figuren vom Sockel zu holen und die Menschen dahinter herauszuarbeiten. Ein Held wie Andreas Hofer wird als Kind mit vollen Windeln oder als Mann mit Alkoholproblem gezeigt; ein Mythos wie Sissi mit der Darstellung all ihrer Widersprüchlichkeit, ihres Leids, aber auch ihrer Stärke und Entschlossenheit greifbarer. Eine liebe, treue Kaisergattin? Eine Reisesüchtige? Eine eingebildete Kranke? Mit einem Fragen-Antwort-Spiel regt der Historiker seine Leser bereits am Beginn der Biografie an, sich ein eigenes Bild der historischen Figur zu machen, die bereits kurz nach ihrer Hochzeit realisiert hatte, in einem goldenen Käfig gelandet zu sein. Geschichten, die Emotionen und eigene Bilder und Verknüpfungen wecken - und somit hängen bleiben. Kurzum: Geschichtelernen, wie wir es uns wünschen.

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