Informationsdesign ermöglicht es, unsere komplexe Welt besser zugänglich zu machen. Die gebürtige Schwäbin Lisa Borgenheimer hat sich in diesem Metier zur Meisterin entwickelt.

Die Vinschger Gemeinde Mals ist nicht nur für ihren Kampf gegen Pestizide bekannt, sie ist auch in Sachen Partizipation einen Schritt voraus. Im Jahr 2016 wurde im Obervinschgau der erste Südtiroler Bürgerhaushalt eingeführt. Was das heißt? Die Einwohner des
aufgeschlossenen Obervinschger Dorfes können alljährlich rund 200.000 Euro des Gemeindehaushaltes selbst verplanen. Ermächtigt werden sie dazu auch durch eine Broschüre, die der Informationsdesignerin Lisa Borgenheimer all das abverlangte, was sie an ihrer Arbeit so fasziniert: Sie musste in zwei komplexe Themen wie Finanzplanung und Direkte Demokratie eintauchen, arbeitet mit Politik- und Bildungswissenschaftlern genauso zusammen wie mit der Fakultät für Informatik, entwickelte modulare Grafiken und Benutzeroberflächen, Tools zur Wahl und Abstimmung, Symbolfiguren für die bürgerliche Vielfalt – und das alles in einem einheitlichen und wiedererkennbarem Corporate Design. Das Ergebnis dieser breitgefächerten und interdisziplinären Arbeit? Ein grafisch ansprechendes und leicht verständliches Vademecum, das den Malserinnen und Malsern alle nötigen Informationen und Fakten liefert, die sie zur Mitentscheidung über die Finanzen ihrer Gemeinde brauchen.

Die Komplexität unserer Welt leichter verdaulich machen, Zusammenhänge aufzeigen und Dinge in ihren Kontext setzen: Informationsdesign scheint wie geschaffen für eine Wissensgesellschaft, die sich in der stetig wachsenden Informationsflut zu verlieren droht. Tatsächlich findet man heute unter Hashtags wie dataviz oder infodesign eine Unmenge an Beispielen, wie Information visuell dargestellt werden kann. „In den vergangenen zehn Jahren ist ein richtiger Hype entstanden“, sagt Lisa Borgheimer. Bei weitem nicht jeder, der heute auf diesen Trend aufspringt, hat sich allerdings so intensiv mit Informationsdesign auseinandergesetzt wie die gebürtige Schwäbin. Während ihres Designstudiums in Augsburg war ihre Universität eine der wenigen Hochschulen, die in dieser Nische eine Spezialisierung anbot. Nach insgesamt fünf Jahren bei der Süddeutschen Zeitung und einem dreijährigen Forschungs- und Lehrauftrag an der Freien Universität Bozen hat Lisa Borgenheimer ihren Lebensmittelpunkt vor wenigen Wochen von Bozen wieder in ihre Heimat verlegt. Dort schließt sie nun – neben ihrer freiberuflichen Arbeit und einem Lehrauftrag an der unibz – ihr Doktorat an der Universität Weimar ab. Gemeinsam mit einem Medienphilosophen und einem weiteren Informationsdesigner beleuchtet sie in ihrer PhD-Arbeit den Entstehungsprozess von Informationsgrafiken. Auf welche Art werden Daten aufbereitet, welche persönlichen, aber auch sozialen, kulturellen und medialen Einflussfaktoren gibt es dabei und wie objektiv können Datenvisualisierungen überhaupt sein?

Fragen, auf die Borgenheimer auch abseits ihres PhD immer wieder Antworten findet, die ihren Ansprüchen an Informationsdesign nicht genügen. Auch hier hat der digitale Wandel vieles verändert – und zu einer Art Polarisierung der Darstellungsarten geführt, meint die Lehrbeauftragte der unibz. „Auf der einen Seite haben wir viele wahnsinnig komplexe Datenvisualisierungen, die zwar technisch anspruchsvoll sind und schön aussehen, aber in ihrer Komplexität nur mehr schwer zugänglich sind.“ Das andere Extrem seien Infografiken, die vor allem für Social Media entworfen werden, und die Fakten wiederum so sehr reduzieren, dass sie die Realität verzerren. „Für mich ist Infodesign etwas dazwischen“, sagt Lisa Borgenheimer.

Komplexität soll nicht ausgeblendet, sondern zugänglich gemacht werden, Datensätze dürfen nicht abgeschnitten werden, sollten aber auch nicht bis ins kleinste Detail abgebildet werden. „Mein liebster Rahmen ist die Doppelseite einer Zeitung“, sagt Borgenheimer. Dort sei eine gute Balance zwischen Einfachheit und Komplexität möglich – „aber natürlich braucht es dafür immer eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema.“ Eine Fertigkeit, die die Dozentin auch innerhalb der Visual Journalism-Gruppe der unibz rund um Matteo Moretti weiterentwickelt hat – und an die Studierenden der Fakultät für Design und Künste weitergibt. „Wichtig ist mir vor allem, ihnen ein Gefühl dafür zu geben, welche visuelle Darstellungsformen für welche Daten geeignet sind und wie man eine gute Balance zwischen Fakten und Emotionen schafft – um so Stories zu erzählen, die sowohl am Thema Interessierten wie auch Neueinsteigern einen Mehrwert bringen“, sagt die Dozentin.

Dank der jahrelangen Forschung in diesem Bereich hat sich auch ihre eigene Herangehensweise an Infodesign verändert. „Früher habe ich viel intuitiver gearbeitet, heute reflektiere ich mich selbst stärker während des Entstehungsprozesses und achte noch weit mehr darauf, dass der Inhalt auch wirklich stimmt – selbst, wenn das die gestalterische Freiheit manchmal einschränken kann“, sagt die Infodesignerin. Doch so wichtig Ästhetik auch in diesem Bereich von Design sein mag – weit wichtiger ist Lisa Borgenheimer, dass ihre Arbeiten von den jeweiligen Zielgruppen verstanden werden. Und damit zum Beispiel in Mals dazu beitragen, die Partizipation der Bevölkerung zu steigern. „Beispiele wie der Brexit zeigen uns, dass gerade die Politik dringend neue Strategien braucht, wie Wissensvermittlung besser funktionieren könnte - damit möglichst alle Bevölkerungsgruppen erreicht werden und in die Lage versetzt werden, Dinge auch wirklich einzuordnen und zu verstehen“, sagt Lisa Borgenheimer.

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