Frau Engel, wie sieht eine mehrsprachige Person die Welt?

© Annelie Bortolotti

Denn je mehr Sprachen wir lernen, desto besser wird unser Sprachbewusstsein, erklärt die Sprachforscherin von Eurac Research Dana Engel – und damit auch unsere Kompetenz in der Erstsprache. Außerdem sind Mehrsprachige geistig flexibler, kulturell offener und generell besser gerüstet für die globalisierte Welt.

Sie machen Sprachprojekte mit Schulen in ganz Südtirol: Was war bisher Ihre sprachlich bunteste Klasse?
Engel: In Salurn brachten es einmal zwei Grundschulklassen gemeinsam auf 15 Sprachen und sieben Dialekte. Wir stellten die Gesamtheit der Fertigkeiten in einem Sprachenbaum dar – das war schon beeindruckend. Neulich in einer Bozner Mittelschulklasse hatten die Schüler Kompetenzen in acht Sprachen und fünf Dialekten, das ist mittlerweile Durchschnitt in den Städten.

Je nachdem, wie gut die Kinder die Schulsprachen beherrschen, bedeutet das für die Lehrer sicher auch eine beträchtliche Herausforderung…
Engel: Ja, und wir als Forscher müssen diese Schwierigkeiten ernst nehmen, sonst kommen wir mit den Lehrern nicht auf eine Gesprächsebene. Die Lehrpersonen setzen sich ja oft auch selbst unter großen Druck, die Schüler in der Bildungssprache fit zu machen, einfach weil sie wollen, dass die Kinder gute Zukunftschancen haben.

Manchmal ist das Argument zu hören, Kinder mit Migrationshintergrund sollten ihre Herkunftssprache erst einmal hintanstellen und ganz in die Schulsprache eintauchen…
Engel: Offiziell sagt das heute niemand mehr, da hat sich in den letzten Jahren zum Glück sehr viel getan. Die Verantwortlichen in den Schulämtern und Schulen wissen: Das Wichtigste neben einem Aufbau der Schulsprachen ist, die Erstsprache zu fördern. Eltern rät man deshalb, unbedingt in ihrer stärksten Sprache mit den Kindern zu reden, die Liebe zur Sprache zu fördern. Und dann natürlich auch die Neugier auf die neuen Sprachen, die dazukommen: Hier sollten die Eltern versuchen, Kontakt- und Anwendungsmöglichkeiten zu schaffen.

In Ihren Schulprojekten vermitteln Sie, dass Mehrsprachigkeit eine Bereicherung bedeutet – was haben mehrsprachige Menschen den anderen voraus?
Engel: Wer mehrsprachig ist oder wird – man muss es ja nicht von Haus aus sein – bekommt mindestens drei Vorteilspakete auf einmal. Da sind einmal die kognitiven Vorteile: geistige Flexibilität, Fähigkeit zum Umdenken; Sprachen lernen fällt Mehrsprachigen viel leichter, aber auch bei Aufgaben, die nicht Sprache betreffen, können sie schneller umschalten. Dann gibt es die kulturellen Vorteile: Man kann sich leichter auf andere Menschen, Situationen, Perspektiven einstellen, nicht nur sprachlich, auch in sozialer Hinsicht; in einer globalisierten Welt, in der sich ständig alles ändert, heißt das auch, leichter irgendwo andocken zu können. Und als drittes haben Mehrsprachige oft ökonomische Vorteile: Wer mehrere Sprachen kann – oder gelernt hat, Sprachen zu lernen – kommt auf dem Arbeitsmarkt viel besser zurecht.

© Annelie Bortolotti

Eine Welt ohne Mehrsprachigkeit

Die Vorteile, die Sie beschreiben, zumindest die kognitiven und kulturellen, betreffen alle Formen der Mehrsprachigkeit, die allgemeine Wahrnehmung aber macht da große Unterschiede: Migrantensprachen werden häufig mehr als Problem denn als Potenzial begriffen.
Engel: Genau deshalb ist es wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass jede Sprache ihren Wert hat. Wenn Albanisch meine Familiensprache ist, dann ist das erst einmal die wichtigste Sprache der Welt für mich und davon ausgehend mache ich alle meine anderen Spracherfahrungen. Das ist die Ebene der Identität und Kultur, all dessen, was mit Herz und Gefühl zu tun hat. Natürlich brauchen wir dann auch Sprachen, mit denen wir möglichst weit kommen, in denen wir mit Leuten auf der ganzen Welt kommunizieren können – früher war Latein diese lingua franca, heute ist es Englisch. Fremdsprachen aber ganz allein danach auszuwählen, dass sie später einmal nützlich sein könnten, geht oft nicht auf, weil es als Motivation nicht ausreicht. Man braucht sehr viel Motivation, um eine Sprache zu lernen.

Was kann die Schule konkret tun, um Mehrsprachigkeit zu fördern?
Engel: Da gibt es eine ganz große Bandbreite - von Projekten, bei denen man in verschiedene Sprachen reinschnuppert oder Inhalte sprachenübergreifend erarbeitet, bis zu CLIL (Content and Language Integrated Learning), wo ein Fach in einer anderen Sprache unterrichtet wird. Denkbar ist aber auch, dass der Lehrer in einer Unterrichtseinheit mehrere Sprachen verwendet und sich damit selbst als mehrsprachiges Vorbild präsentiert.

In Südtirol schwingt beim Thema mehrsprachige Erziehung oft die Befürchtung mit, sie schade der Entwicklung des Deutschen ….
Engel: Historisch ist das verständlich, aber aus linguistischer Sicht kann man ganz klar sagen: Der Mensch kann unendlich viele Sprachen lernen, das Gehirn hat da gar keine Grenzen. Das Gehirn kann aber auch Sprachen, die aktuell nicht gebraucht werden, in den Hintergrund rücken – zum Glück, so wird „Arbeitsspeicher“ frei. Ein mehrsprachiger Mensch ist unter anderem deshalb erfolgreich mehrsprachig, weil sein Gehirn es schafft, Sprachen je nach Situation zu aktivieren oder auch zu unterdrücken: Spreche ich mit jemanden, der nur Italienisch kann, macht es nicht viel Sinn, wenn in meinem Kopf Englisch mitläuft; anders ist es, wenn der andere Italienisch und Englisch versteht: Da hilft es, Englisch parat zu haben, denn vielleicht fällt mir ja ein italienisches Wort nicht ein.

© Annelie Bortolotti

Aber was macht Mehrsprachigkeit mit der Muttersprache?
Engel: Sie kommt ihr zugute. Denn je mehr Sprachen ich lerne, desto besser wird mein Sprachbewusstsein, ich weiß viel mehr über Sprache und ihre Strukturen. Früher hieß es immer, man müsse Latein lernen, um die eigene Grammatik richtig zu verstehen, und das zweifelt auch heute niemand an. Aber wenn es um Italienisch geht, dann fürchten manche plötzlich, es könnte schaden …

Wie gehen die Südtiroler Schulen mit der mehrsprachigen Realität um?
Engel: Je nach Standort ganz unterschiedlich. Schulen an der deutsch-italienischen Sprachgrenze oder mit einem sehr hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund, können nicht einfach sagen: Hier wird nur Deutsch gesprochen, Punkt. Die müssen ihre eigenen Konzepte finden, damit die Schüler die Inhalte lernen. So wie es ja auch für mehrsprachige Familien nicht das eine Modell gibt, das für alle taugt.

‚Eine Person eine Sprache‘ gilt nicht?
Engel: Zumindest funktioniert es nicht in jeder Familie: Nicht nur den ladinischen Tälern sind ja beide Eltern oft mehrsprachig – da muss jede Familie selbst ein Modell finden, das für sie passt.

Sie und Ihr Mann kommen aus Deutschland und haben einen einjährigen Sohn – nutzen Sie für ihn die sprachlichen Möglichkeiten Südtirols?
Engel: Ja, seine Tagesmutter ist Italienerin. Wir haben natürlich einfach eine gute Tagesmutter gesucht, aber es freut uns schon, dass er jetzt sozusagen mehrsprachig aufwächst.

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Interview
The octopus in us

Khalil Iskarous is an associate professor of Linguistics at the University of Southern California and holds a PhD in Linguistics from the University of Illinois. Originally from Egypt, he has studied and worked in the USA since his teenage years. His research interests include studying endangered languages and experimental methods in linguistics as well as computational linguistics, and he has also worked extensively in the fields of motor control of the tongue and hydrostatic skeletons. He was in Bolzano for the recent conference organized by the Associazione Italiana Scienze della Voce (AISV) entitled “Speech on the Natural Context: Models and Methods for the Analysis of Speech under Real Communicative Conditions” where he held a keynote talk and workshop.

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