In der Druckwerkstatt II können Studierende der Fakultät für Design und Künste ab Herbst die alte Kunst des Buchdrucks selber ausprobieren: Im Zeitalter der Digitalisierung eröffnet die Rückbesinnung auf alte, analoge Techniken neue Möglichkeiten.

Was war wohl die bedeutendste Erfindung des zweiten Jahrtausends? Das Auto (1769)? Das Telefon (1876)? Der Atomreaktor (1942)? Weit gefehlt. Laut dem US-Magazin TIME-Life war es der Buchdruck mit beweglichen, wiederverwendbaren Lettern (1444): Gutenberg hat mit seiner Erfindung das moderne Kommunikationszeitalter eingeläutet, urteilt das Magazin. Erst mit dem industriellen Buchdruck sei es möglich geworden, Wissen zu speichern, zu organisieren und es einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen. „Heute reicht ein Mausklick und schon spuckt der Digitaldrucker hunderte von Seiten in beliebigen Farben aus – zu Gutenbergs Zeiten hat allein der Druck der allerersten Bibel drei Jahre Vorbereitungszeit in Anspruch genommen“, erzählt Kuno Prey, Designprofessor an der unibz. Gutenbergs wichtigste Errungenschaft war die Erfindung der Matrize. Damit konnten die Bleistifte mit den spiegelverkehrten Buchstaben erstmals in Serie gegossen werden. Aufbewahrt wurden sie in einem Setzkasten. Handsetzer spannten die Bleilettern auf ein Holzbrett, das so genannte Setzschiff: Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Zeile für Zeile. Ein Profi schaffte rund 1500 Lettern in einer Stunde. Das ist heute circa eine halbe Buchseite. War eine Seite fertig gesetzt, wurde mit Druckballen Farbe aufgetragen. In der ersten Gutenberg-Bibel, mit einer Auflage von 180 Exemplaren, druckte man nur die schwarzen Lettern – rote Lettern, kunstvolle Initialen und Überschriften wurden nachträglich von Rubrikatoren eingefügt. Deshalb sieht jede der heute noch existierenden 48 Gutenberg-Bibeln anders aus.

Der Buchdruck war ein aufwändiger Prozess, das Handsetzen ein hochangesehenes Handwerk. „Ein Handsetzer war ein Gestalter, der über großes kulturelles Wissen verfügte und die jeweilige Sprache perfekt beherrschte“, erklärt Christian Stufferin, ausgebildeter Offset-Drucker und Leiter der Druckwerkstatt I an der Fakultät für Design und Künste. „Er kannte jede Schrift, wusste, warum die Buchstaben so geschnitten waren und nicht anders, wie groß die Zwischenräume sein mussten, damit der Text optimal lesbar war. Er kannte sich aus mit Papier und Druckfarbe, wusste, welchen Druck er mit welcher Presse ausüben musste, um das beste Ergebnis zu erzielen.“ „Er machte sich die Hände buchstäblich schmutzig“, fügt Kuno Prey hinzu und gerät ein bisschen ins Schwärmen. „Er musste Kurbeln drehen, nachjustieren, abwarten. Und das gab ihm Zeit, geistig und handwerklich ganz mit der Materie eins zu werden.“ Als dem Designprofessor eine günstige Andruckpresse samt Bleilettern und Setzkästen angeboten wurde, überlegte er nicht zweimal. Im September wird nun anlässlich der Langen Nacht der Forschung die Druckwerkstatt II eröffnet. Sie ist eine Zeitreise zum Ursprung des Buchdrucks: das Mobiliar inspiriert sich an früheren Zeiten, in der Werkstatt riecht es durchdringend nach Druckfarbe und Bleilegierung (nicht jeder wird das mögen). Für Kuno Prey ist es ein wichtiges Ziel der Werkstatt II, den Studierenden das Prozessdenken zu vermitteln. Richtig spannend werde es, wenn die Studierenden dann analoge und digitale Drucktechniken miteinander verknüpfen, sagt der Designprofessor. Außerdem haben sie in den Werkstätten die Möglichkeit, neu entworfene Schriften mit dem 3D-Drucker oder der CNC-Fräse in Holz oder Kunststoff zu produzieren. Ganz sollen sie auf den Computer dann doch nicht verzichten müssen.

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