Frau Brodmann, was reizt Sie an Ihrem Außendienst?

© Annelie Bortolotti

Monika Brodmann Maeder ist überzeugt: Jeder Arzt in der Schweiz träumt davon, einmal in seiner Karriere einen roten Overall anzuziehen und für die Rettungsflugwacht Rega zu fliegen. Die 54-Jährige lebte den Traum als leitende Ärztin des Universitären Notfallzentrums in Bern. Mit Academia hat sie über Extremeinsätze, Weiterbildungsprojekte in Nepal und ihre Rolle als Forscherin am Bozner Zentrum Eurac Research gesprochen.

Als leitende Ärztin des Universitären Notfallzentrums in Bern versorgen Sie Traumapatienten im Schockraum, als Bergrettungsmedizinerin an Unfallstellen vor Ort: Gibt es da Unterschiede?
Brodmann: Und ob: Im Krankenhaus habe ich Licht. Es ist warm, es regnet und schneit nicht. Ich habe eine perfekt ausgerüstete Umgebung und alle Spezialisten eines Universitätsspitals um mich herum. Beim Hubschraubereinsatz sind wir zu dritt: ein Rettungssanitäter, der Pilot und ich. Selten ist noch ein Rettungsspezialist dabei. Ich muss also mit einem kleinen Team und reduziertem Material auskommen, und das in einer meist sehr unwirtlichen Umgebung.

Am Unfallort geht es um die rasche Erstversorgung des Verletzten?
Brodmann: In den ersten zehn Sekunden geht es einmal darum, sich ein Bild von der Lage zu machen. Bin ich und ist mein Team hier sicher? Erst dann wird versorgt und abgewogen, in welches Krankenhaus der Verunglückte geflogen werden soll.

In das nächstgelegene, nehme ich mal an?
Brodmann: Nicht unbedingt. Es hängt vom Zustand des Verletzten ab. Heute weiß man etwa – auch dank einer Studie von Eurac Research -, dass ein unterkühlter Patient selbst mit Herzstillstand Chancen auf Wiederbelebung hat, wenn er an eine spezielle Herz-Lungen-Maschine angeschlossen wird. Nicht jedes Krankenhaus hat dies.

Welche Fähigkeiten sollte eine Bergrettungsmedizinerin neben der fachlichen Ausbildung mit sich bringen?
Brodmann: Leidenschaft für den Berg, Erfahrung am Berg und eine ordentliche Portion Teamgeist. Aber das versteht sich fast von selbst: Bergrettungsmediziner verbinden eigentlich immer ihr Hobby mit ihrem Beruf.

Was war Ihr heikelster Einsatz?
Brodmann: Das Erdbeben in Nepal am 25. April 2015. Ich war mit Freunden in einem Gartenrestaurant in Kathmandu, als kurz vor Mittag die Erde zu beben begann. Als ich von dem Lawinenunglück im Everest Basislager erfuhr, habe ich mich in den erstbesten Hubschrauber nach Lukla gesetzt, dem Ausgangsort der meisten Everest Expeditionen. Das kleine Ortskrankenhaus, dem ich seit über zehn Jahren verbunden bin, lag bis auf den Röntgenraum in Trümmern. Also verlegten wir unseren Arbeitsplatz in ein Zelt und ins Gebäude des Flughafens. Fast im Minutentakt kamen neue Verletze vom Basislager herein, Bergsteiger und Einheimische. An die 60 Verwundete haben wir in zwei Stunden notversorgt. Die schweren Fälle wurden nach Kathmandu überstellt.

© Annelie Bortolotti

Wie begrüßt man sich in Nepal?

Sie haben die Notversorgung in Lukla koordiniert. Nun ist es oft so, dass man in Notsituationen funktioniert. In ihrem Fall über mehrere Tage. Wann stießen Sie an Ihre Grenze?
Brodmann: Körperlich kann man sich selber ja viel abverlangen in solchen Extremsituationen. Schwierig ist es, so ein Ereignis emotional zu verarbeiten, schließlich kannte ich viele der Betroffenen und Verunglückten persönlich. Für immer in mein Gedächtnis eingebrannt ist mein Rückflug nach Kathmandu. Mit dem Flug wurde auch ein toter Bergsteiger überführt. Weil er nur noch aus dem Rumpf bestand, also keine Arme und Beine mehr hatte, passte ich gewichtsmäßig noch in die Maschine.

Eine ordentliche Portion Gelassenheit sollte man auch in Ihren Beruf mitbringen!
Brodmann: Zum Glück ist meine Arbeit nicht immer so dramatisch. Es gibt auch heitere Momente. Einmal mussten wir einen Snowboarder in unwegsamem Gelände bergen. Er hatte sich die Hüfte ausgerenkt, was höllisch schmerzte und in seinem Fall im Krankenhaus operiert werden musste. Für den Transport verabreichte ich ihm hochdosierte Schmerzmittel, die Halluzinationen hervorrufen können. Im Krankenhaus angelangt, wollte er mich nicht gehen lassen, hielt meine Hand und brüllte laut: „Bitte verlass mich nicht! Ich will dich doch heiraten!!“ (lacht)

Seit einigen Jahren exportieren Sie Know-how für die medizinische Grundversorgung aus dem Alpenraum in sehr abgelegenen Regionen Nepals. Welches sind - neben den extremen Witterungsbedingungen und Höhenlagen - die größten Herausforderungen?
Brodmann: Die interkulturellen Grenzen. Ich unterrichte seit vielen Jahren Bergretter und Notfallmediziner in Nepal und vor allem das Personal des Pasang Lhamu Nicole Niquille Hospitals in Lukla. Schon früh sind mir kulturelle Unterschiede aufgefallen. Zum Beispiel ist das seitliche Kopfnicken bei uns ein Zeichen des Abwägens oder der Unsicherheit, bei den Nepalesen bedeutet es „ja“. Ich muss wissen, dass die linke Hand die „schmutzige“ ist, ich also Menschen nur mit der rechten berühren darf. Wenn ich am Ende eines Vortrages sage: Gibt es noch Fragen?, wird sich kein Teilnehmer melden, selbst wenn er Fragen hat. Würde er eine Frage stellen, dann würde der vortragende Experte in seinen Augen die Glaubwürdigkeit riskieren. Ein Nepalese wird dir zuerst eine Tasse Tee anbieten, mit dir über deine Familie und dein Leben sprechen, bevor er zum Geschäftlichen übergeht.

Welches Know-how nehmen Sie von Nepal mit nach Hause?
Brodmann: Das Teetrinken im übertragenen Sinne. Als Mitglied der Klinikleitung des Notfallzentrums lege ich Wert auf das Zwischenmenschliche. Gerade in Extremsituationen müssen Teams funktionieren und das läuft eben auch über die emotionale Schiene. Schwerverletzte im Schockraum oder im alpinen Gelände versorgen, das ist wie ein Orchester dirigieren. Da muss schon alles stimmig sein, damit es am Ende gut „tönt“.

Wie wurden Sie als Frau vom Fach in Nepal aufgenommen?
Brodmann: Als Bergrettungsmedizinerin musst du dich in einer eher männerdominierten Welt zunächst einmal grundsätzlich beweisen. Heute fällt es mir natürlich leichter als früher. Interessanterweise wurde ich im Westen mehr angezweifelt als in Nepal. In Nepal hatte ich es in den ersten Jahren meiner Lehrtätigkeit mit Sherpas aus der Khumbu Region zu tun. Sie sind Buddhisten, Männer und Frauen sind also gleichgestellt.

Seit einem Jahr forschen Sie auch im Bereich der alpinen Notfallmedizin am Forschungszentrum Eurac Research. Welches sind Ihre Schwerpunkte?
Brodmann: Interkulturelle Didaktik, da erscheint in Kürze ein wissenschaftlicher Artikel, und Teamarbeit in der alpinen Notfallmedizin. Außerdem erarbeitet unser Forschungszentrum mit führenden Höhenmedizinern aus der ganzen Welt Richtlinien für höhenmedizinische Forschung, in dem Standards für höhenmedizinische Projekte und Publikationen definiert werden. Diese Richtlinien werden demnächst veröffentlicht. Und ich bin Projektverantwortliche für die Entwicklung eines Internationalen Registers für Lawinenopfer.

Related Articles

Article
Lawinenopfer: Wann kann Erwärmung die Rettung bedeuten?

Eine internationale Studie unter Leitung von Eurac Research definiert Kriterien, um Überlebenschancen richtig einzuschätzen.

Article
“We talk about what we do not know, because that is the only way we can advance”.

Eurac Research has invited leading international experts in altitude medicine and emergency medicine to a one-day gathering in Bolzano on 5 April to explore research opportunities in the extreme climate simulator the terraXcube.

Article
Mount Everest in Bozen

Eurac Research feiert die Fertigstellung des Extremklimasimulators terraXcube.

Article
Increasing human security and sustainable development in mountainous regions worldwide

Eurac Research and United Nations University are strengthening their cooperation with the aim of improving the living conditions of people in mountainous regions.