Im Lockdown wurde der ungleiche Zugang zu Natur in der Stadt besonders
schmerzhaft bewusst. Ein ökologisches Sicherheitsnetz brauchen wir aber nicht nur
in Zeiten der Pandemie.

Gibt es ein Recht auf eine gesunde Lebensumwelt und auch auf Natur in der Stadt? Warum soll und wie  kann man einen gerechten Zugang zu solch einem ökologischen Raum gewährleisten? Diese Fragen beschäftigen mich schon lange, Covid-19 hat ihre Dringlichkeit aber noch unterstrichen. Erste  Erkenntnisse deuten nämlich darauf hin, dass Luftverschmutzung eine Rolle bei schweren Verläufen der Krankheit spielt; auch dass sie zur Verbreitung des Virus beitragen kann, ist noch nicht auszuschließen. Die Einschränkung von Aktivitäten im Freien und die Schließung städtischer Parks haben zudem drastisch vor Augen geführt, wie ungleich verteilt Umweltqualitäten in unseren Städten sind: Wir sitzen nicht im selben Boot, sondern in sehr unterschiedlichen Nachbarschaften.
Dies ist Teil einer seit Längerem beobachtbaren Entwicklung: die Ungleichheiten in mehreren  europäischen Städten verschärfen sich. Einkommens- und Bevölkerungsgruppen driften gesellschaftlich,
aber auch räumlich auseinander, konzentrieren sich zunehmend in bestimmten Stadtteilen. Neben strukturellen wirtschaftlichen Veränderungen und der Finanzkrise von 2008 spielen dabei
auch der Wohnungsmarkt und die städtische Wohnungspolitik eine wichtige Rolle. Vor allem letztere kann einen einschneidenden Effekt auf die Verteilung der Bevölkerung im städtischen Raum haben – entweder, indem sie durch den Wohnungsmarkt verursachte Entwicklungen ausbalanciert, oder indem sie sie verschärft.Auf der anderen Seite wurden durch die unkontrollierte Ausbreitung urbaner Strukturen und die Intensivierung von Landnutzung natürliche und naturnahe Lebensräume knapp, und die biologische Vielfalt ging immer mehr verloren. Auch in der Stadt tritt „Natur“ häufig nur isoliert auf (etwa in großen Landschaftsparks)und der direkte Zugang – in Form privater Gärten oder durch Nähe zu als  wertvoll geltenden öffentlichen Grünräumen – ist immer häufiger eher wenigen, vor allem kapitalstarken Bevölkerungsgruppen vorbehalten. In einigen stadtökologischen Studien sprechen Wissenschaftler  gar vom Luxuseffekt: Einkommensstarke Viertel können als biologisch vielfältiger gelten, weil generell eine größere Vielfalt an Lebensräumen und Vegetation verfügbar ist. Städtische Transformationsprozesse  können diese ungleiche Verteilung noch verschärfen. Bauprojekte in der Stadt nehmen meist den Weg des geringsten  Widerstands, sowohl in Bezug auf Bodenpreise oder  Landnutzungsrechte, als auch was das Risiko rechtlichen und politischen Einspruchs betrifft. So ist spontanes Grün auf ehemaligen Bahnhofsgeländen, oft biologisch höchst vielfältig und informell als Spiel- und Erholungsraum genutzt, von solchen Transformationsprozessen wahrscheinlicher betroffen als ein entsprechend ausgewiesener Park mit geschütztem Biotop. Den Projekten fallen auch seltener private Gärten in Villengegenden zum Opfer als Grünanlagen größerer Wohneinheiten. Wie ich in Untersuchungen zeige, können damit „Der- Gewinner-kriegt-alles“-Stadtquartiere entstehen – keinem starken Wandel unterworfen, weniger Luftverschmutzung und Lärm ausgesetzt, reich an Natur.  Warum ist der ungleiche Zugang zu ökologischem  Raum ein Problem? Einzelne Ökonomen argumentieren, Ungleichheit fördere die Innovationskraft. Und was macht schon der Verlust von Natur aus, wenn technischer Fortschritt doch gleichwertigen Ersatz schafft? Neben dem einfachen Gerechtigkeitsanspruch und der Frage, welches Erbe wir hinterlassen möchten, spielen hier jedoch auch Überlegungen zu möglichen weiteren gesellschaftlichen Konsequenzen eine Rolle. Ungleichheit, ein räumliches Auseinanderdriften und die Konzentration bestimmter Gruppen in bestimmten  Lebensräumen wirkt sich auf den sozialen Zusammenhalt aus, auf Solidarität, Lebensentwürfe, politische Einstellungen und Entscheidungen, etwa für oder gegen eine Politik der Umverteilung. Von den möglichen gesundheitlichen Folgen erhöhter Luftverschmutzung und Lärmbelastung ganz zu schweigen; sozio- ökonomisch benachteiligte Gruppen, aber auch Kinder und ältere Menschen sind auf Grund ihrer Vulnerabilität und erhöhter Exposition davon besonders betroffen. Zudem verdichten sich Hinweise, dass sich Luftverschmutzung auf das Ein- und Ausschalten unserer Gene (Epigenetik) auswirkt und sich Folgen wie ein höheres Risiko für bestimmte Erkrankungen, von jenen der Atemwege bis hin zu Depressionen, und die Einschränkung kognitiver Entwicklungen über Generationen forttragen können. Dagegen zeigen viele Untersuchungen, wie wichtig urbane Grünräume für das Wohlbefinden des Menschen sind; zu den Leistungen gehören unter anderem Klimaregulierung, Selbstversorgung mit Gemüse aus Schrebergärten, physische und psychische Erholung, Stressminderung, Stärkung des Immunsystems sowie verbesserte Luftqualität und Lärmschutz. Es geht hier nicht um einfache Vorlieben: Verschiedene Ökosysteme stellen essenzielle Leistungen bereit, die nicht nur für das Überleben mancher nicht-menschlichen Art  entscheidend sind, sondern auch für die Gesundheit und Lebensqualität des Menschen. Biodiversität und Grünraum von gewisser Qualität werden jedoch immer knapper und gerade für jene Teile der Bevölkerung immer schlechter zugänglich, die gleichzeitig besonders stark Luft- und Lärmverschmutzung ausgesetzt sind. Zwar gab es während des Covid-19-Lockdowns ein kurzes Aufatmen bezüglich Luft- und Lärmverschmutzung, doch haben die strikten Ausgangssperren die Situation verschärft, was den Zugang zu Grünraum betrifft, und einige Bevölkerungsgruppen sehr viel stärker getroffen als andere. New York City etwa verzichtete aus diesem Grund darauf, die Parks gänzlich zu schließen – gerade für sozial benachteiligte Bevölkerungsteile seien sie ein wichtiges Refugium, betonten die Behörden. Wie also weiter vorgehen? Die Idee, dass es zu den wesentlichen Aufgaben der Stadtplanung gehört, eine grüne oder ökologische Infrastruktur zu garantieren, hat in den letzten Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit erlangt. Der Infrastruktur- Ansatz soll dabei unterstreichen, dass der Schutz natürlicher und naturnaher Räume, das Bewahren von Schönheit, Umwelt und Gesundheit nicht nur ‚niceto have‘ ist, sondern das Rückgrat einer gerechten sozialen und ökonomischen Stadtentwicklung darstellt. Wie für Infrastrukturen in der Wasser- und Energieversorgung braucht es daher auch hierfür eine strategische und langfristige Planung, damit ein feinmaschiges Netz entsteht, das einen gerechten Zugang und eine qualitätsvolle Versorgung gewährleistet. Wir brauchen ein ökologisches Sicherheitsnetz, das ein hohes Mindestmaß an Umweltqualität garantiert und auch in Notsituationen wirkt. Maßnahmen müssen bei drei Schlüsselkomponenten ansetzen: Verteilungsgerechtigkeit (Wer bekommt was?),  leichberechtigter Zugang (Wer darf rein?) und Verfahrensgerechtigkeit (Wer wird gefragt?). In Bezug auf die Verteilungsgerechtigkeit gilt es dabei, die räumliche Konzentration sowohl schlechter  /z.B. Verschmutzung) wie guter Umwelteigenschaften (z.B. Baumalleen, zugängliche Gründächer, Straßengärten oder Landschaftsparks) zu berücksichtigen, da sie zwei Seiten einer Medaille darstellen. Dies trägt auch der Tatsache Rechnung, dass „Natur in der Stadt“ nicht die Wunderwaffe für die Lösung von Umweltproblemen ist, die anderweitig gelöst gehören. „Grüne Infrastruktur“ kann aufgebaut werden, indem man bestehende Elemente schützt (Brachflächen, Biotope, privates Grün) oder renaturiert (etwa Flusslandschaften), oder indem man neue G rünräume schafft (zum Beispiel Straßen-Grüninseln). Bestehende Elemente zu schützen und in das Netzwerk zu integrieren, ist dabei aus  wissenschaftlicher Sicht der Schaffung neuer Strukturen vorzuziehen.  Der gerechte Zugang sollte dabei nicht nur als physische Erreichbarkeit (etwa eines Parks), sondern umfassender verstanden werden, also Nutzungsmöglichkeiten wie „Entnahme“ (zum Beispiel von Fallobst) oder „Bewirtschaftung“ (etwa von Selbsterntegärten) einschließen. Für die Stadtplanung ergeben sich aus diesem Ansatz zahlreiche Handlungsmöglichkeiten, und in vielen Städten wurden auch schon konkrete Schritte unternommen. So hat die Stadt Wien  ein umfassendes städtisches Grünraummonitoring entwickelt und Grundstandards für Lebensraumqualität definiert, z.B. Kennwerte für die Erreichbarkeit von Grünflächen bestimmter Größe. München hat schon in den 1990er Jahren begonnen, Grünflächen zu kartieren und nach ihrer Qualität zu bewerten, wobei Einflüsse wie Luft- und Lärmverschmutzung als qualitätsmindernd gewertet wurden. Während der Covid-19-Krise haben einige Städte die Nutzungsmöglichkeiten öffentlicher Flächen stark erweitert, etwa Straßen als Fußgänger- und Fahrradstraßen ausgewiesen, oder Schulhöfe geöffnet. Eine Umverteilung des Zugangs zur Natur wäre auch durch sozialen Wohnbau in der Nähe großer Landschaftsparks, gesichert durch städtebauliche Verträge, zu erreichen. Das Fachmagazin The Lancet hat kürzlich in einem Kommentar dazu aufgefordert, Covid-19 nicht als Pandemie, sondern als „Syndemie“ zu bezeichnen: Das Zusammenspiel verschiedener sozialer, wirtschaftlicher und ökologischer Entwicklungen wie Ungleichheit, schlechte Arbeitsbedingungen und Luftverschmutzung habe nämlich großen Einfluss auf die gesundheitlichen Auswirkungen des Virus. Eine rein medizinische Lösung könne daher nur scheitern: Es brauche eine umfassendere Vision, um Maßnahmen in verschiedenen Bereichen zu setzen. 

Sonia Gantioler

Related Articles

Article
Landwirtschaft: Ein Report analysiert die wichtigsten Komponenten für eine nachhaltige Entwicklung

Umwelt, Wirtschaft, Soziales: Erstmals versucht ein Forschungsteam eine Standortbestimmung für die Nachhaltigkeit der Südtiroler Landwirtschaft.

Article
Neuerscheinung bei bu.press: „Vom Heim in die Selbständigkeit“

Von gesellschaftlichen Stigmen, dem Druck, früh auf sich allein gestellt zu sein und dem steinigen Weg in die Selbständigkeit: Andrea Nagy, Soziologin an der Fakultät für Bildungswissenschaften, hat im Universitätsverlag bu.press „Vom Heim in die Selbständigkeit – Perspektiven jugendlicher Care-Leaver auf den Übergang“ veröffentlicht. Ein Einblick in die Lebenswelt von ‚Heimkindern‘ mit Blick auf deren Übergang in die Erwachsenenwelt.

Interview
Showtime for South Tyrol's Autonomy

Celebrating a year of the Autonomy Experience. An interview with Center Director, Marc Röggla.

Article
Aus Mikroplastik wird hochwertiger Dämmstoff

Ein Schaumstoff zur akustischen und thermischen Dämmung von Gebäuden, der aus Mikroplastik im Meer gewonnen werden kann: Mit dieser Innovation will der Forscher Marco Caniato von der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik einen konkreten Beitrag zur Reduzierung des Plastikmülls in unseren Ozeanen leisten. Das Verfahren beruht auf einem Biopolymer, das aus der Verarbeitung von Rotalgen gewonnen wird.