Als Walther von der Vogelweide singend und dichtend durch die Lande zog, hing dem Ganzen ein romantisches Mäntelchen um. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hingegen wurden durch Tirol ziehende Personen gerne als Vagabunden und „Dörcher“ tituliert. Francesca Brunet vom Kompetenzzentrum für Regionalgeschichte legt ihren Forschungsschwerpunkt auf diese Wanderbewegungen und spiegelt die oftmals negative Wahrnehmung der durchziehenden Menschen, die bis heute nachhallt.

„Wenn wir auf die Wanderbewegungen in und um Tirol blicken – und dabei sprechen wir von einem Radius, der vom italienischen Raum über das Habsburgerreich in die heutige Schweiz und nach Bayern reicht – so handelt es sich um eine äußerst heterogene Gruppe, die das Land Tirol durchstreifte“, resümiert Francesca Brunet.

Um sich zu diesem Thema auszutauschen, organisierte sie im Oktober dieses Jahres den internationalen Workshop „Einsperren, beschränken, ausweisen. Der Raum als Mittel der Trennung und sozialen Kontrolle vom späten 19. bis zum frühen 20. Jahrhundert“, bei dem die verschiedenen Bedeutungsebenen des Raumes als Mittel zur Bestrafung, Kontrolle und Disziplinierung beleuchtet wurden. Zeitlich nahm der Workshop wie auch Francesca Brunets Forschung die Jahrzehnte zwischen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in den Blick: In dieser Zeit wurden in vielen Regionen Europas neue Gefängnisstrukturen und Arbeitshäuser eingerichtet.

Man denke nur an den Begriff „Arbeitshäuser“, er passt zu den Namen, die man dem Wandervolk gab, von Landstreichern, Dörchern und Zigeunern bis hin zu Arbeitsscheuen. „Einige von ihnen wurden sehr kritisch von der Polizei kontrolliert, darunter auch Frauen, die heimlich der Prostitution nachgingen und in sogenannte Besserungsanstalten überstellt wurden (case di correzione).

Ein Auszug (Staatsarchiv Trient, Protokolle der Landeskommission)

Virginia G. aus dem Nonstal wird 1885 in ein Arbeitshaus gesandt da sie „conduce una vita pessima in ogni riguardo, continua di girovagare per città e dintorni sfaccendata, esercitando la clandestina prostituzione e cagionando scandalo pubblico.”

Über die Art der Kontrolle und die Kontrollierten selbst geben die damals anfallenden Berichte in den Kreisgerichten also auch in den Bezirkshauptmannschaften Auskunft, die in den Stationen angelegt worden. Brunet wurde bisher in den Stadtarchiven von Brixen, Bruneck, Bozen, Trient, Rovereto, Riva del Garda und Ala fündig, und es stehen noch die Archive von Innsbruck und Wien auf dem Programm, „denn hier zeichne ich die Justizgeschichte nach.“

Um zu verstehen, wie über die „Dörcher“ berichtet wurde, sei ein Rundschreiben der Statthalterei Innsbruck abgedruckt, die diese am 5. November 1863 an alle Bezirksämter und Stadt-Magistrate Tirols versandt hat (aufbewahrt im historischen Archiv der Gemeinde Trient):

Um über die vom Landtage dem Landes-Ausschuße zur Begutachtung überwiesenen Frage, wie dem Unwesen der Dörcher und Karrenziehr in Tirol begegnet werden könne, einen Vorschlag machen zu können, hält es der Landes-Ausschuß von Allem für nothwendig, sich eine genaue Kenntniß von dem Umfange des Übels, welches in dem herumwandern der unter obigen Namen bekannten Vaganten liegt, zu verschaffen.

Es dient vor allem zu wissen, wie viele solcher Vaganten in jeder Gemeinde domizilirt sind, die ohne ständigen Aufenthalt im Lande herumziehen unter dem Vorwande einer Beschäftigung oder eines Handels, der in keinem Falle geeignet ist, ihnen den bleibenden Unterhalt zu verschaffen. Es versteht sich dabei von selbst, daß zu solchen Vaganten nicht allein die Karrenzieher gehören, sondern auch diejenigen, die ohne Karren als Pfannenflicker, Korbflechter, Rosenkranzbettler, Zunderhändler, Besenbinder etc.

Polizeiakten dokumentieren Sozialgeschichte

Die Geschichte der Gefängnisse, und allgemein der Häuser, die den Zweck hatten, bestimmte Menschen sozial abzugrenzen, ist in den vergangenen Jahren in der modernen Geschichtsforschung stark in den Mittelpunkt gerückt, wobei neue Paradigmen diskutiert werden: „Für mich erzählen die Polizeidokumente auch stets ein Stück Sozialgeschichte.“ Es ist dies die Zeit, in der erstmals Fotografien an die Polizeiakten angeheftet wurden. Dabei wurden gleichsam Menschen, die sonst „unsichtbar“ geblieben wären, für die Nachwelt sichtbar. Dass in der Beschreibung beispielsweise eine Frau und ihr Verhalten als „unmoralisch“ tituliert wurden, lässt ein bürgerliches Urteil durchscheinen, das einer Vorverurteilung gleichkommt. Es handelt sich also keinesfalls um eine „neutrale“ Beschreibung einer Durchziehenden in den Polizeiakten. „Es ist gerade in jener Zeit zu einer zunehmend systematischen Umsetzung von administrativen und polizeilichen Maßnahmen gekommen, die darauf abzielten, die öffentliche Sicherheit durch die Einschließung oder die Einschränkung der Bewegungsfreiheit der Menschen aufrechtzuerhalten, die als sozial gefährlich und „deviant“ galten.“

Beispiele davon geben Dokumente ab, die von einem „Vagabunden“ sprechen, der sich zwar kein Vergehen zuschulden kommen hat lassen, doch keine Arbeit vorweisen konnte, weswegen er des Distriktes verwiesen wurde. Es zeigt sich, wie im Alltagsleben herrschende Machtverhältnisse zementiert werden und ein Urteilsspruch „des Landes verweisen“ den Raum als Mittel zur Bestrafung, Kontrolle und Disziplinierung nutzt. Zum damaligen Strafgesetz zählte auch, Menschen in Arbeitshäuser einzuweisen.

Dörcher“ wurden im alten Tirol die Vagabunden genannt, hinzu kamen verschiedene umherziehende Personen, Wanderhändler, Musiker oder Menschen auf Arbeitssuche. „Dabei entwickelten die Menschen die verschiedensten Überlebensstrategien, wenn sie vorgaben, krank zu sein, um ins Krankenhaus eingewiesen zu sein. Andere, die für saisonale Arbeiten umherzogen, standen stets auf der Kippe des Lebensminimums, der Armut. Wem die Arbeitserlaubnis nicht erneuert wurde, der wurde zum Vagabunden, zum Freiwild. Neu ist am Anfang des 20. Jahrhunderts auch das Phänomen, dass junge Menschen im Alter von 15-17 Jahren um Beihilfen ansuchen, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Diese Ansuchen finden sich in den Stadtarchiven von Trient und Rovereto, und auch dort der Hinweis, dass manche ihr Glück eben mit diesem Geld versuchten, um dann doch nicht heimzukehren.“

Eine Aufnahme der Familie Kupro

Abschiebung und Exil

Neben den „Gebäuden der Separierung“, also Gefängnissen, Zwangsarbeitshäusern und psychiatrischen Krankenhäusern, wurden immer wieder andere Formen der Raumnutzung als Mittel der sozialen Kontrolle in Betracht gezogen, also Abschiebung, Exil oder Quarantäne.
Ein weiteres Beispiel zeigt den breiten Spielraum auf, den die Polizei für sich beanspruchte: das belegte Beispiel der Sinti-Familie Kupro, die ihren Angaben nach in ganz Europa zu Hause war: der Vater in Frankreich geboren, die Mutter in Ungarn, ein Kind wahrscheinlich in Wien geboren und eine Tochter in Italien. Über sie wurde in verschiedenen Zeitungsartikeln – selbst in einer Zeitung in Bozen - sowie Akten gesprochen, wie ein Puzzleteil konnte Francesca Brunet deren Geschichte zu einem Ganzen zusammenfügen. So stand in verschiedenen Berichten: „Sie sind eine Plage, tun nichts und betteln.“ Im Falle der Familie ließen sich aufgrund von Fotografien verbunden mit dem Namen einige Falschaussagen bezüglich ihrer Herkunft aufdecken. „Auch hier lässt sich viel aus der Sozialgeschichte lernen, eine arbeitende Bevölkerung, die sich durch die bloße Anwesenheit eines anderen Lebensmodells gestört fühlte“, resümiert die Forscherin am Kompetenzzentrum Regionalgeschichte in Brixen. Sie versucht in dem dreijährigen Forschungsbericht, die bisher unbekannte Sozialgeschichte in den Jahren 1870-1914 zu Tage zu fördern. „Dabei möchte ich die Situation im kleinen Tirol einfangen und in ein europäisches und habsburgisches Umfeld einbetten, um Tendenzen und Beweggründe aufzuspüren und aus persönlichen Geschichten das große Ganz erfassen.“

 

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