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Unser italienisches Bildungssystem ist in der ganzen Welt dafür bekannt, inklusiv zu sein: ein System, das auf all seinen Ebenen, von der Kinderkrippe bis zur Universität, kein Kind oder Jugendlichen ausschließt. Dies ist schon unter normalen Umständen eine komplexe Aufgabe, in den außergewöhnlichen Zeiten des Fernunterrichts aufgrund der Coronavirus Pandemie nehmen diese Herausforderungen jedoch neue Formen an.

Die wichtigste aktuelle Aufgabe ist dabei aus unserer Sicht die Suche nach Möglichkeiten und Lösungswegen, den Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu geben, dass Lehrpersonen, KindergärtnerInnen und andere Ansprechpersonen der Bildungsinstitutionen weiterhin für sie da sind, auch wenn die Schulen und Kindergärten geschlossen sind. Es geht darum, den Kindern und Jugendlichen Zeichen der Anerkennung und Wertschätzung zu geben. Einige Klassenräte haben eine geschlossene Plattform geschaffen, auf der nicht nur Hausaufgaben, sondern auch Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse, aber auch aktuelle Fotos und kleine Schriften ausgetauscht werden können, um die persönlichen Erfahrungen mit der aktuellen Situation zu teilen. Andere Lehrerinnen und Lehrer jüngerer Kinder haben Routinen für Videoanrufe in kleinen Gruppen entwickelt, um sich gegenseitig über ihre Gefühle und Erlebnisse zu erzählen. KindergärterInnen schreiben über E-Mail Briefe und Morgenpost an die Kleinsten. Dies auf eine inklusive Weise zu tun, bedeutet, diese Situationen für alle zugänglich zu machen: sie von Anfang an so zu gestalten, dass alle Kinder selbstverständlich teilnehmen können, unabhängig von ihrer Befähigung oder dem Beherrschen der Schulsprache. In einigen Fällen kann es hilfreich sein, hierfür die Größe der Gruppe für den Austausch anzupassen: vielleicht begünstigt die Vermeidung von Großgruppensituationen und die Reorganisation in Kleingruppen eher den Kontakt und die aktive Beteiligung aller. In anderen Situationen ist es eher eine gezielte Planung der Kommunikationsmöglichkeiten, die sicherstellt, dass es verschiedene Möglichkeiten der Teilnahme gibt.

Es kann eine Reihe von Vorschlägen zur Verfügung gestellt werden, aus denen die Schüler*innen einige auswählen und andere auslassen können, und so wird das selbstgesteuerte Lernen gestärkt.

Die zweite große Herausforderung betrifft das didaktische Angebot. Schon bei der herkömmlichen Gestaltung von Lern- und Lehrprozessen in Schulen und Kindergärten ist es nicht leicht, die Unterschiede jedes einzelnen Kindes oder Jugendlichen zu berücksichtigen. Und in dieser Phase des Fernunterrichts ist dies auch nicht einfach, die neue Situation bietet jedoch zugleich viel Potenzial, das es zu entdecken gilt: Wenn wir uns die Kinder und Jugendlichen jeweils in ihren eigenen Wohnungen oder Häusern vorstellen, wenn wir uns bewusst sind, dass sie einen guten Teil der Schularbeit allein und nicht in Kontakt mit ihren Klassenkameraden erledigen, dann können wir die Unterschiede zwischen ihnen noch ausgeprägter wahrnehmen als im Klassenzimmer. Diese durch die Distanz geschärfte Sensibilität kann auch eine Chance sein, didaktische Differenzierungen stärker zu kultivieren. Daher können Aufträge und Angebote für die heterogene Gruppe der SchülerInnen auch unterschiedlich sein und die verschiedenen Technologien, die ihnen zur Verfügung stehen, können die unterschiedlichen Interessen oder die individuellen Fähigkeiten der Einzelnen stärker berücksichtigen. Oder es kann eine Reihe von Vorschlägen zur Verfügung gestellt werden, aus denen die Schülerinnen und Schüler einige auswählen und andere auslassen können, und so wird das selbstgesteuerte Lernen gestärkt. Auf wöchentlicher Basis könnten die Schülerinnen und Schüler dann interessengeleitet einige Aktivitäten identifizieren, die für sie von Bedeutung sind und von den Lehrpersonen bewertet werden sollen. Dies würde dazu beitragen, selbst in dieser Zeit der Distanz eine inklusive Kultur zu entwickeln, in der Unterschiede beim Lernen die Normalität und nicht die Schwierigkeit einiger Kinder und Jugendlichen darstellen und sich der Blick stärker für die Potenziale der Einzelnen öffnen kann.

Sozialer Zusammenhalt und ein Klima der Anerkennung in inklusiven Gruppen sind kein „Selbstläufer“, sondern auf pädagogische Impulse und Moderation angewiesen.

Schließlich hat eine inklusive Schule auch die Aufgabe, soziales Lernen zu unterstützen. Und das ist aus der Ferne wirklich herausfordernd. Sozialer Zusammenhalt und ein Klima der Anerkennung in inklusiven Gruppen sind kein „Selbstläufer“, sondern auf pädagogische Impulse und Moderation angewiesen, um auch in die Freizeit hinein zu wirken. Das bedeutet für die aktuelle Zeit, dass die Beziehungen der Kinder und Jugendlichen untereinander eine konkrete Bestärkung und Vermittlung durch Erwachsene benötigen. So können beispielsweise gezielt Paare von Peers gebildet werden mit der Aufgabe, sich regelmäßig anzurufen oder eine E-Mail zu schreiben. Auch können kleine Gruppen für informelle Videoanrufe mit regelmäßigen und koordinierten Terminen auf offiziellen Schulkanälen gebildet werden. Es gibt viele mögliche Wege, es ist aber unabdinglich, dass Bildungsinstitutionen danach suchen. Nur so bleibt Inklusion nicht auf die geschlossenen Kindergärten und Schulen beschränkt, sondern schafft es, den Weg in das Zuhause jeder uns jedes einzelnen zu finden.

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