Europas Wälder mit neuen Bewirtschaftungsmodellen resilienter gegen die Folgen des Klimawandels zu machen: das ist das Ziel des Projekt ONEforest. unibz ist einer von 19 europäischen Projektpartnern.

Waldökosysteme bedecken 42% der gesamten Oberfläche der Europäischen Union. In den vergangenen Jahren wurden sie stark durch die sich rasch verändernden klimatischen Bedingungen in Mitleidenschaft gezogen: ob langanhaltende Dürreperioden, kurze, aber umso heftigere Stürme und Starkregenereignisse, das Auftreten sehr aggressiver Schädlinge oder Waldbrände. Die Folgen? Veränderungen der Böden und des Wasserhaushaltes, ein Anstieg des Oberflächenabflusses und eine erhöhte Gefahr von Erdrutschen. In Italien bleibt vor allem das Sturmtief Vaia in Erinnerung, das 2018 zahlreiche Waldgebiete in Trentino-Südtirol, der Lombardei, Friaul-Julisch Venetien und dem Veneto zerstört hat. Innerhalb einer einzigen Nacht wurden mehrere Millionen Kubikmeter Holz von der Kraft des Windes niedergewalzt. Ein enormer Schaden, aus ökologischer und wirtschaftlicher Sicht, aber auch für das Landschaftsbild. Umso klarer ist, dass angesichts dieser Herausforderungen des Klimawandels auch die bisherige Waldbewirtschaftung überdacht werden muss.

Dieses Ziel wird im interdisziplinären Forschungsprojekt  ONEforest (Horizon 2020, grant agreement ID 101000406) von 19 Partnern in ganz Europa unter Leitung der Technischen Hochschule Rosenheim verfolgt. Ein Projekt, in dem Know-how in Disziplinen wie Ingenieurswissenschaften, Ökonomie, Sozio-Ökonomie, Mikrobiologie, Ökologie und Chemie miteinander verknüpft wird, um konkrete Lösungen für die unterschiedlichen Probleme entlang der Holzwertschöpfungskette zu erarbeiten. „Die Ausgangsidee für das Projekt war es, die Wertschöpfungskette hinter unseren Wäldern zu erhalten”, erklärt der Forscher und Dozent Lorenzo Brusetti, der das Projekt an der unibz betreut. „Ein Wert, der in erster Linie ökologischer Natur ist, weil unsere Wälder CO2 binden und damit das Klima stabilisieren. Nicht zu unterschätzen sind jedoch auch der wirtschaftliche Aspekt mit der gesamten Lieferkette rund um die Verwendung von Holz für die unterschiedlichsten menschlichen Bedürfnisse sowie die gesamten Ökosystemdienstleistungen, die durch Wälder bereitgestellt werden, wie etwa die Rolle, die Bäume bei der Eindämmung von Erosionen und Bodeninstabilitäten spielen.“

In Anlehnung an die biogeografischen Regionen Europas hat das Forschungsteam vier Gebiete ausgewählt, für die nun Maßnahmen für eine zukunftsfähige Waldbewirtschaftung erarbeitet werden sollen, die unsere Wälder resistenter gegen den Klimawandel machen. Das können beispielsweise neue Ansaat- und Bepflanzungsmethoden oder der Einsatz von Holzfasern als Schutz für Böden sein. Als weiterer Schritt sollen die gesamten Aktivitäten der Forstwirtschaft und Holzindustrie auf Basis ökologischer und sozioökonomischer Nachhaltigkeitskriterien überdacht und weiterentwickelt werden. Dabei werden alle wichtigen europäischen Stakeholder, von Behörden bis zur Holzverarbeitungsindustrie, miteinbezogen. Als wichtige Unterstützung dient dabei eine im Rahmen des Projekts geschaffene Internetplattform zur multikriteriellen Entscheidungsanalyse, die es den Beteiligten ermöglicht, die Auswirkungen in Frage kommender nachhaltiger Bewirtschaftungsmethoden vorab zu simulieren und zu vergleichen.

Alle Ergebnisse des Projekts ONEforest werden in neuen „Modellwäldern” umgesetzt, aus denen ein internationales Netzwerk von Modellwäldern für eine angepasste regionale Waldbewirtschaftung entstehen soll. Die Freie Universität Bozen bringt dafür, dank des wissenschaftlichen Beitrags von Lorenzo Brusetti, vor allem Know-how im Bereich mikrobiologischer Analysen bei zwei wichtigen Teilen des Projekts ein. Brusetti wird analysieren, ob die unterschiedlichen in Betracht gezogenen Bewirtschaftungsmaßnahmen positive Auswirkungen auf die mikrobielle Aktivität in Böden haben. „Diese Aktivität hat einen bisher stark unterschätzten Einfluss auf unser Ökosystem, da sie direkt mit dem Nährstoffzyklus, der biologischen Vielfalt der Wälder, der Baumgesundheit und der Kohlenstoffspeicherung verbunden ist“, unterstreicht Brusetti. „Wir werden die mikrobielle genetische Vielfalt als einen der Parameter für die Struktur von Waldbeständen nutzen und sie mit der jeweiligen Nährstoffverfügbarkeit und dem Kohlenstoffspeicherpotenzial in Bezug setzen. Meine Arbeit wird sich dabei vor allem auf alpine Waldgebiete in Slowenien konzentrieren. Die Ergebnisse und Schlussfolgerungen werden dann aber, soweit es möglich ist, auch auf andere Gebiete übertragen.“

Die zweite Aufgabe von Brusettis Arbeitsgruppe, zu der die Forscher*innen Silvia Pioli und Atif Aziz Chowdhury zählen, betrifft das Thema der Kreislaufwirtschaft. „Wir werden bewerten, wie nachhaltig innovative biobasierte Verbindungen sind, die von einigen unserer Projektpartnern aus Holzabfällen entwickelt werden und als Frostschutz für Jungpflanzen in Forstbaumschulen eingesetzt werden sollen. Außerdem möchten wir verstehen, inwiefern solche recycelten Verbindungen auch für die Bodenfruchtbarkeit sowie die Vielfalt und Funktion der Bodenmikroben genutzt werden können“, so Lorenzo Brusetti.

su/12.04.2022

 

 

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