Die neue Präsidentin der Freien Universität Bozen, Ulrike Tappeiner, über Big Data aus Lochkarten, ihr Faible für die Landschaftsökologie, die Vorzüge einer mehrsprachigen Universität und die Pläne für die neuen Fakultäten.

Prof. Tappeiner, Sie haben Informatik und Biologie studiert. Welche Welt hat Ihnen diese für damalige Zeiten ungewöhnliche Fächerkombination eröffnet?
Ulrike Tappeiner: Ich denke, dass die Fächerkombination mir den Weg zu einem wissenschaftlichen Beruf erleichtert haben, da ich dadurch auch Modellierungen am Computer vorgenommen habe und sehr strukturiert arbeiten musste. Damals gab es noch keine kommerziellen PCs, sondern eigens konstruierte Großrechenanlagen, an denen wir mittels Lochkarten arbeiteten. Für meine Dissertation in Biologie ging es dann experimentell ins Gelände, dort standen wir teilweise knietief im Dreck (lacht).

Hat sich heute, Stichwort Big Data, ein Biologiestudium stark verändert?
Heute gestaltet sich ein Biologiestudium ganz anders, auch inhaltlich mit Themen der Genetik oder Molekularbiologie. Big Data war in der Ökologie jedoch bereits damals durchaus ein Thema. Ich hatte automatische Datalogger im Gelände stehen, mittels derer Unmengen an Daten angefallen sind. Dabei stellte sich das Thema, wie man diese Daten einlesen könnte? Bei diesen eigens gebauten Anlagen wurden die Informationen auf Tonkassette gespeichert und aus Sicherheitsgründen dieselben Daten nochmals auf Papierrollen über einen kleinen Taschenrechner direkt im Gelände ausgedruckt. Ich habe Monate damit verbracht, das Material für das Auslesen der Daten abzugleichen. Wenn man bedenkt, dass für bei meinen Mikroklimamessungen alle 15 Minuten 30 unterschiedliche Größen angefallen sind und dies über zwei Vegetationsperioden, dann kann man wirklich von Big Data sprechen.

In welche Richtung hat sich Ihre Forschungsarbeit entwickelt?
Ich habe mich stets für die klassische Ökosystemforschung interessiert, bei welcher man auf kleinem räumlichen Gebiet forschungsmäßig stark in die Tiefe geht. Über wenige Quadratmeter eines Ökosystems weiß ich im Anschluss an meine Forschung wahnsinnig viel, über strukturelle und funktionelle Zusammenhänge – wohl wissend, dass ich wenige Meter daneben vielleicht andere Ergebnisse erhalten würde. Das merkt man auch beim Modellieren. Da ich stets mehr wissen wollte, habe ich versucht, die klassische Ökosystemforschung mit einem landschaftsökologischen Ansatz zu kombinieren. Dieser ist räumlich viel weiter gefasst aber ungenauer, da man bei Skalenübergängen stets an Genauigkeit verliert. Mein Faible für die Landschaftsökologie konnte ich an der Eurac dann ausleben.

Wie begann der Aufbau Ihres Themenfeldes am Forschungsinstitut Eurac?
Als ich 1995 an die Eurac geholt worden bin, war das Institut für Alpine Umwelt mit einem Wissenschaftler und einer Halbtagskraft besetzte. Dass ich den Aufbau übernehmen durfte, empfand ich als fantastische Chance. Am Institut wollte ich mit meiner Arbeitsgruppe wichtige Südtiroler Themen erforschen, die aber weit darüber hinaus auch für andere Gebirgsregionen wichtig sind. Heute zählt das Institut für Alpine Umwelt an der Eurac über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und wir nehmen immer wieder Masterstudierende und Praktikantinnen und Praktikanten auf. Wir sind zu einem beliebten Forschungsbereich und Arbeitgeber geworden und müssen leider immer wieder Anfragen abweisen.

Stichwort Themen des Territoriums und ein begrenzter Kostenrahmen – bewegen Sie sich auch an der Uni Bozen innerhalb dieser Vorgaben?
Der Südtirol Bezug ist wichtig, aber stets verbunden mit einem internationalen Benchmark. Wenn man nur für Südtirol forscht, dann wird es schnell hausbacken. Die Forschungsfragen sollen Bezug zur Südtiroler Realität haben, aber stets angekoppelt sein an die internationale Scientific Community, denn damit nimmt die Forschung eine ganz andere Entwicklung. Die Uni Bozen hat bereits eine tolle 20-jährige Entwicklung gemacht und ist aufgrund des Mehrwerts der Mehrsprachigkeit gut international vernetzt, nicht zuletzt über die Studierenden. Gerade die Südtrioler Realität kann in vielen Feldern wie ein großes Freilandlabor betrachtet werden, in denen Fragen in einem mehrsprachigen und multikulturellen Raum wie sonst nirgends untersucht werden können, wie etwa im schulischen Umfeld, aber auch etwa Destinationsmanagement oder im betrieblichen Umfeld. Zum angesprochenen Budget – wenn ich gut vernetzt bin, kann ich nicht nur besser publizieren, sondern auch besser Drittmittel einwerben, wie etwas aus internationalen Forschungsfonds wie beispielsweise auf EU-Ebene.

Wie stark sich die Arbeit des Forschers demnach gewandelt?
Wir Forscher müssen immer stärker zu Netzwerkern werden. Das beginnt schont beim Studium - heute sind die Studienprogramme viel enger gesteckt und es gilt, die Prüfungen abzuhaken. Ich habe die fächerübergreifenden Lehrinhalte und Diskussionen stets sehr genossen. Die Forschungsgemeinde ist heute internationaler, es wird mehr produziert, die Forscher müssen mobiler sein, es gilt das Diktum „publish or perish“, was sehr hart ist für die junge Generation.

Wenn wir von Zeit sprechen – bleibt Ihnen neben dem Forschungsmanagement noch Zeit für das Forschen selbst?
Ich genieße es sehr, Forschung zu betreiben und nehme mir auch an Wochenenden und am Abend Zeit, um ein Paper zu verfassen. Forschung ist zeitintensiv aber bereitet mir wahnsinnigen Spaß. Und diese Tätigkeit möchte ich nicht missen.

Denken Sie, dass durch Sie als Präsidentin die Vernetzung zwischen Eurac und Universität intensiviert wird?
Ich hoffe schon. Eine Vernetzung passiert bereits auf vielen Ebenen, sie ist nur nicht so bekannt. Es funktioniert sehr oft auf der persönlichen Ebene, ein Beispiel stellt das Wissenschaftsmagazin Academia dar. Vielleicht liegt einer meiner Vorteile darin, dass man mich kennt, und dass ich auch die Eurac gut kenne. Zusammenarbeit basiert stets auf Vertrauen, und inhaltlich nur dort, wo sich eine klassische win-win Situation entwickeln kann.

Wenn Sie später einmal zurückblicken, welche Spuren würden Sie gerne hinterlassen?
Ich sehe, dass die Freie Universität Bozen bereits sehr gut aufgestellt ist. Sie musste sich in den ersten Jahren stärker der Lehre als der Forschung widmen. Besonders im italienischen Hochschulraum, in welchem die Gesetzeslage ja anderes organisiert ist als in der Schweiz, in Österreich oder in Deutschland, wo die Forschungsgeleitete Lehre eine größere Rolle spielt. Dort werden Professoren mehr nach Forschungsschwerpunkten ausgewählt. In Österreich z.B. kann eine Universität Studienprogramme viel freier ausgestalten. Im italienischen Hochschulgesetz herrschen für Berufungen viel engere Spielräume. Die unibz muss in der Lehre gut bleiben, aber da kommen aus den Fakultäten starke Akzente, ebenso in der Forschung. Wo hingegen Incentives helfen, da auch die Landesregierung unser Budget nicht unendlich hochschrauben kann, wird es wichtig sein, sich mehr zu vernetzen, um an Drittmittel beispielsweise in europäischen Programmen zu kommen. Ein Thema ist auch die wirtschaftsnahe Forschung. Wir als unibz haben zudem die tolle Möglichkeit der Direktberufungen für Professoren aus dem englischen und deutschsprachigen Raum, um die Mehrsprachigkeit zu garantieren. Dass die Ausgestaltung von Studienprogrammen oft schwierig ist, weiß ich aus meiner Zeit als Dekanin an der Universität Innsbruck, als wir ein gemeinsames Studienprogramm mit Bozen initiiert haben.

Welche Akzente möchten Sie künftig an der unibz setzen?
Die ersten Wochen waren geprägt davon, die Universität von innen kennenzulernen - wir hatten de facto erst eine richtige Universitätsratssitzung. In der kommenden Zeit liegen zwei große Brocken am Tisch: Die Fakultät für Ingenieurwissenschaften muss konzeptionell durchdacht werden mit entsprechender Ausgestaltung und intensiven Diskussionen mit der Landesregierung. Weiters gilt es, das Konservatorium in eine Fakultät für Musik umzuwandeln. Auch der neue Standort am NOI Techpark bietet fantastische Möglichkeiten, da sich über die Anwesenheit von Master- und Doktoratsstudierenden und Professorinnen viele häufiger ein direkter Austausch mit Unternehmen anbietet, aus denen dann hoffentlich auch konkrete Kooperationen entstehen.

Wie sehen Sie Ihren Wechsel von der Professorin zur Bildungsmanagerin?
Die Tätigkeit im Management ist mir als Institutsleiterin und Dekanin in Innsbruck bekannt, so unterschiedlich tickt die Academia in verschiedenen Ländern nicht. Wichtig ist es für mich, die Aspekte Lehre, Forschung und Third Mission bestmöglich zu kombinieren.

Sie haben nach Ihrer Wahl angekündigt, ein neues Leitbild erstellen zu wollen. Welchen Stellenwert messen Sie diesem zu?
Ein Leitbild ist wichtig für eine Institution, nicht so sehr nach außen als vielmehr für das interne Commitment. Deswegen möchte ich die Erstellung des Leitbildes sehr partizipativ gestalten und alle Gruppen mit einbeziehen, da ein Leitbild intern gelebt werden muss.

Abschließend, wie steht es um Ihre Work-Life-Balance?
Energie schöpfe ich aus der Bewegung in der Natur. Ich wohne in Innsbruck am Waldrand und genieße es, bereits in der Früh walken zu gehen, wobei frühe Termine an der Uni dem natürlich nicht zuträglich sind (lacht). Als Ökologin habe ich zudem das Privileg, dass ich auch beruflich, z.B. bei Exkursionen oder im Rahmen von Forschungsprojekten Freilandtage in der Natur verbringen kann.

Interview von Sigrid Hechensteiner und Vicky Rabensteiner

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