Seit September gibt es in Südtirol eine Regionalgruppe der „Scientists for Future“, kurz S4F. Der Klimaforscher Marc Zebisch (EuracResearch) und der Designprofessor Kris Krois (unibz) gehören zu den Gründungsmitgliederndes Netzwerks. Ein Gespräch über Veränderung – im allgemeinen Bewusstsein, in unseremWirtschaftssystem und im Rollenverständnis von Wissenschaftlern.

Die „Scientists for Future“ sind entstanden, um „Fridays for Future“ zu unterstützen, die Bewegung junger  Menschen, die für entschiedeneren Klimaschutz und die Erhaltung unserer Lebensgrundlagen demonstrieren. Im Moment ist dies wegen Corona aber unmöglich … 


Kris Krois: Wegen Covid-19 sind Kundgebungen derzeit in Südtirol noch weniger erlaubt als in vielen anderen Teilen Europas. Ich will nicht die Sinnhaftigkeit des Verbots in Frage stellen, aber es ist ein großes Problem, denn gesellschaftlicher Wandel findet nun einmal darüber statt, dass Menschen sich treffen, dass Dinge in die Debatte gebracht werden, und dass dadurch auch öffentlicher Druck entsteht: Ohne diesen Druck – und ohne die öffentliche Debatte, die nicht nur in den Medien stattfinden kann – wird die tiefgreifende Veränderung, die wir brauchen, nicht passieren.

Marc Zebisch: Das hat man ja gesehen: 25 Jahre lang hat der IPCC versucht, mit seinen Aussagen durchzudringen, hat die Erkenntnisse kompakt auf wenigen Seiten zusammengefasst und mit Infografiken anschaulich gemacht, hat Kommunikationsstrategien entwickelt - aber es hat alles nicht geholfen, um das Thema auf die politische Tagesordnung zu bringen, weil kein Druck von Seiten der Öffentlichkeit da war. Den hat erst die „Fridays for Future“-Bewegung, oder sogar Greta Thunberg als Einzelperson, hervorgezaubert. Dabei sagen die Jugendlichen exakt das, was in den IPCCBerichten steht. Sie vertreten überhaupt einen Glauben an die Wissenschaft, den ich fast schon übertrieben finde.

Inwiefern? 

Zebisch: Die Wissenschaft wird da so als der Golden Standard hingestellt: Das sind die Fakten, und alles  andere ist fake. Aber auch in der Wissenschaft gibt es verschiedene Aussagen und Interpretationen
– das sieht man ja auch bei Covid-19 ganz deutlich –, dazu kommt eine Unsicherheit in den Aussagen, die
zwar von der Wissenschaft meist mitkommuniziert, in der Öffentlichkeit aber oft nicht aufgegriffen wird. Auch ist der Schritt, wie aus diesem Wissen Maßnahmen entwickelt werden, nicht einfach. Die Wissenschaft zeigt die Probleme auf – geeignete Lösungen zu finden, ist Sache der Politik. Das war jedenfalls die traditionelle Rollenverteilung. Die hat sich beim Klimawandel dann schon nach und nach ein wenig verschoben, weil man ja auch ökonomisch erforschen kann, mit welchen Mitteln Emissionen am effizientesten zu reduzieren sind; da hat man sich also schon zunehmend auch mit Lösungen befasst.
Aber vom klassischen Rollenverständnis her ist es schon bemerkenswert, dass es die „Scientists for Future“ überhaupt gibt, dass Wissenschaftler bei Demonstrationen mit auf die Straße gehen – auch
wenn sie keine Transparente mit Forderungen hochhalten, sondern nur diese Banner mit den „warning stripes“, die zeigen: Es wird wärmer!

Wir müssen raus aus diesem System mit seinem Konkurrenz und Wachstumszwang, das dem Einzelnen gar keine Wahl lässt, hin zu einer Art des Wirtschaftens, die auf Kooperation und Solidarität aufbaut.

Kris Krois

Nun ist seit Monaten Covid-19 das drängendste Problem: Besteht die Gefahr, dass die Bedrohung Klimawandel damit in den Hintergrund rückt? 

Krois: Was die Aufmerksamkeit der Medien anbelangt, ist das eindeutig: Zeitungen, Fernsehen, Radio, alles ist dominiert von Covid-19. Im Zuge  dieser Berichterstattung fallen dann auch Schlaglichter auf bestehende Missstände und ausbeuterische Praktiken wie in der fleischverarbeitenden Industrie oder in der Pflegearbeit. Covid-19 wirkt hier sozusagen wie ein Brennglas – es fängt dort zu brennen an, wo es ohnehin schon sehr heiß ist. Dabei kommen dann viele krisenhafte Aspekte zur Sprache, aber die sind nicht so eng mit dem Klimawandel verbunden.

Zebisch: Auch in Bezug auf die finanziellen Mittel besteht faktisch schon eine Konkurrenz. Gerade habe ich einen von Wissenschaftlern verfassten Artikel gelesen, in dem dargelegt wurde, dass man mit den bisher für die Bekämpfung von Covid-19 ausgegebenen Mitteln das Zwei-Grad-Ziel hätte erreichen können. Also in diesem praktischen Sinn, Geld und Maßnahmen betreffend, gibt es schon diesen Effekt.

Menschen dürfen Maßnahmen zum Klimaschutz nicht nur als Einschränkung empfinden, denn anders als bei Corona zeigt sich die Wirkung da ja nicht in drei Wochen, sondern erst in zehn oder zwanzig Jahren.

Marc Zebisch

Und auf Ebene des Bewusstseins? Kann die Corona-Erfahrung die Bereitschaft zu Veränderungen in unserer Lebensweise sogar verstärken?

Zebisch: Das müsste man sich in ein paar Jahren anschauen. Aber es könnte schon sein, dass man sich durch diese Erfahrung mehr auf das wirklich Wichtige besinnt, sich die Frage stellt: Was ist verzichtbar?
Das würde dann den Kampf gegen den Klimawandel unterstützen. Und in vielen Artikeln, Blogs oder sonstigen Debattenbeiträgen sehe ich eigentlich schon diesen Ansatz: Wir müssen jetzt nochmal neu nachdenken.

Krois: In meiner Wahrnehmung gibt es da unterschiedliche Haltungen. Zum einen ist durch die Corona-Krise bei vielen schon die Erkenntnis gewachsen, dass Lieferketten zum Teil doch fragiler waren, als man dachte, dass Europa technologisch unabhängiger werden und man auch mehr auf Nahversorgung
setzen sollte – all dies wird aber hauptsächlich aus Gründen der Resilienz angestrebt, also weil es uns
krisenfester macht, nicht unbedingt, weil es nachhaltiger ist. Auch schien es schon, dass Menschen sich nach dem Lockdown wieder an bescheideneren Dingen freuen konnten: Vorher Selbstverständliches
wurde plötzlich als total schön wahrgenommen. Dem gegenüber hat man aber auch gesehen, wie schnell
die Leute, sobald es wieder möglich war, in alte Muster zurückgefallen sind, die keineswegs vergessen und verlernt waren, also fliegen etwa und gedankenlos konsumieren. Wenn es um Transformation
geht, dürfen wir deshalb nicht auf diese Bewusstseinsbildung und individuelle Verhaltensänderung setzen – das wird zwar immer hochgehalten, weil es niemandem wehtut und dafür keine Strukturen verändert werden müssen. Aber das bringt es einfach nicht, das haben die letzten Jahrzehnte ja bewiesen, Appelle und Nachhaltigkeitsbildung gab es ja genug. Es braucht strukturelle Veränderungen, andere Modelle der Bezuschussung, der Besteuerung, der Regulierung, der Daseinsvorsorge, sowie andere Infrastrukturen und Dienstleistungen, so dass das Nachhaltigere und Solidarische für den Einzelnen auch das Kostengünstigere, Einfachere und Attraktivere ist. Zebisch: Das ist zentral, dass die Menschen Maßnahmen zum Klimaschutz nicht nur als Einschränkung empfinden, denn anders als bei Corona zeigt sich die Wirkung da ja nicht in drei Wochen, sondern erst in zehn oder zwanzig Jahren – die Maßnahme an sich muss also auch etwas Positives bringen. Wenn der Nahverkehr kostenlos ist und ich überall gut hinkomme, werde ich mich freuen, dass ich kein Auto brauche.

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Die Covid-19-Krise, so lautet eine Forderung, müsse Anlass für neue Weichenstellungen sein, die auch dem Klimawandel entgegenwirken – wie beurteilen Sie unter diesem Gesichtspunkt die politischen Maßnahmen bisher?

Zebisch: Naja, den großen Umbau hat nie jemand angestrebt, es war ja von Anfang an alles auf Schadensbegrenzung angelegt. Einzelne Schritte gehen in die richtige Richtung, etwa das italienische
Programm zur energetischen Sanierung, wo der Staat auf Steuereinnahmen verzichtet, um zum Klimaschutz beizutragen und gleichzeitig die Konjunktur anzukurbeln, also vor allem lokalen
Handwerkern Arbeit zu verschaffen. So im Kleinen gibt es schon gute Ideen, aber ein großes Programm für „build back better“ ist nicht herausgekommen.

Krois: Da ist halt vieles nur Rhetorik – was zum Beispiel Ursula von der Leyen sagt, das sind immer gute, schöne Worte, aber wenn man dann schaut, was daraus wird, etwa in der Reform der Agrarpolitik,
dann ist das nicht so transformativ und revolutionär, wie die Worte es einen denken lassen würden. Deswegen auch dieser Slogan der Klimagerechtigkeitsbewegung: „system change, not climate
change“. Wir müssen raus aus diesem System mit seinem Konkurrenz- und Wachstumszwang, das dem Einzelnen gar keine Wahl lässt, hin zu einer Art des Wirtschaftens, die auf Kooperation und
Solidarität aufbaut. 

Sind Sie opimistisch, dass der grundlegende Wandel, der nötig wäre, auch möglich sein wird?

Krois: Antonio Gramsci hat gesagt „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ – damit kann ich mich voll identifizieren.

Zebisch: Ich denke, es wird auf eine Klimakrise und entsprechende Folgen hinauslaufen, also zum Beispiel zurückgehende Erträge, wirtschaftliche Krisen, Bürgerkriege, zunehmende klimawandelbedinge Migration – dass man das komplett abwenden kann, glaube ich nicht. Aber ich bin optimistisch, dass dann Regulierungsmechanismen greifen, sodass wir letztlich bei drei Grad
Erwärmung statt bei fünf oder sechs landen. Das sieht man ja auch bei Covid-19: Eigentlich reagieren wir immer ein bisschen zu spät, und nehmen dadurch einen Schaden in Kauf – aber vielleicht wird wenigstens die komplette Katastrophe verhindert. Generell sieht man ja schon eine Trendwende, im Wählerverhalten
in vielen Ländern, oder wenn Firmen wie Google eine CO2-Steuer fordern; aber diese Wende wird wahrscheinlich nicht schnell genug sein. Allerdings kann die Saat, wenn sie da ist, auch mal überraschend schnell aufgehen – das hängt dann, wie beim Klimawandel selbst, an Tipping Points: Auf einmal ist da eine neue Person als Entscheidungsträger oder Symbol, und es gibt einen richtigen Schub. Auch Greta
Thunberg ist ja so ein Tipping Point.

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