© Eurac Research/Silke De Vivo

Südtirols Landschaft hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert: Alm- und Waldweiden sowie Ackerflächen wurden vielerorts aufgegeben, intensiv bewirtschaftete Grünlandflächen, Obstund Weinbaukulturen haben sich ausgebreitet; Wälder wurden dichter, Siedlungen sind gewachsen. Insgesamt hat die landschaftliche Vielfalt abgenommen. Das einst typische Mosaik aus kleinen Feldern und Äckern ist weitgehend verschwunden. Wandelt sich die Landschaft, verändert sich auch der Lebensraum für Wildtiere. Im Extremfall verschwinden Habitate ganz – folglich auch Tierarten, die darauf spezialisiert sind. Manche Arten kommen somit immer seltener vor, andere Populationen wachsen.

Was sagen Wildbestände über die Landschaftsqualität? Gibt es Tierarten, die so besondere Ansprüche haben, dass sie sich als Indikator eignen, um diese Qualität zu messen und Veränderungen zu beschreiben? Dieser Frage gehen die Umweltforscher von Eurac Research in einer Studie nach, die Veränderungen in Wildtierpopulationen mit Landnutzungsänderungen und anderen Einflüssen in Verbindung bringt. Wie sich die Häufigkeit einer Tierart verändert hat, messen die Forscher indirekt an den Abschusszahlen der jagdbaren Arten, die für Südtirol seit Ende des 19. Jahrhunderts flächendeckend zur Verfügung stehen. Diese Daten wurden in Landkarten visualisiert, um sowohl die zeitliche Entwicklung als auch räumliche Verschiebungen darzustellen. Seit den 1960er Jahren sind zum Beispiel Arten wie Wachtel und Rebhuhn stark zurückgegangen, Rothirsch und Gams dagegen häufiger geworden.

Die Wildbestände werden nun mit Landnutzungsveränderungen der letzten 150 Jahre in Verbindung gebracht, aber auch mit Klimaänderungen, Dünger- und Pestizideinsatz, der Schnitthäufigkeit auf Grünlandflächen, Siedlungsbau und Zersiedelung in offenen Flächen. Damit wollen die Forscher ein ganzheitliches Verständnis davon gewinnen, wie Landschaftsveränderungen sich auf die ökologische Vielfalt und damit auf die Ökosystemleistungen auswirken. Das Analysemodell kann auch auf andere Alpenregionen angewendet werden. Bei der Untersuchung arbeitet Eurac Research mit dem Amt für Jagd und Fischerei, dem Südtiroler Jagdverband und der Universität Innsbruck zusammen.

Vor einigen Jahrzehnten bot Südtirols Landwirtschaft – und damit die Landschaft – noch ein ganz anderes Bild: In den Tälern wurde vielfach Ackerbau betrieben, verschiedene Fruchtfolgen und Winterackerfrüchte sorgten für ausreichend Nahrung über das Jahr hinweg, Hecken und Sträucher am Feldrand boten Schutz vor Raubtieren aus der Luft. Rebhuhn, Wachtel und andere Feldvögel fanden hier geeignete Lebens- und Bruträume vor.

Oberhalb der Waldgrenze wirken sich Klimaveränderungen besonders stark aus. Hochgebirgsarten wie Schneehuhn und Schneehase haben sich perfekt an diese Extremlebensräume angepasst. Das Schneehuhn etwa gräbt sich im Winter Schneehöhlen zum Schutz vor der Kälte und tauscht zur Tarnung das graue Sommerfederkleid gegen ein weißes; auch den Schneehasen tarnt ein weißes Winterfell. Schmilzt der Schnee aber früher, kann die Tarnung zur Falle werden – die weißen Tiere auf braunem Boden sind zum Beispiel für Adler leicht aufzuspürende Beute.

Frühere Landschaften prägte ein Mosaik aus kleineren Feldern und Äckern, unterbrochen von Hecken, Baumreihen oder Trockenmauern. Diese Randstrukturen waren Lebensraum für viele Arten: Singvögel fanden hier Nistplätze, Tiere wie Reh, Feldhase, Steinhuhn oder Fasan suchten Schutz vor Wetter und Räubern; Heckenreihen und kleinere Bäche dienten Tieren auch dazu, geschützt von einem Ort zum anderen zu kommen. Flurbereinigungen und die Zusammenlegung von kleinen Äckern zu großen, zusammenhängenden Flächen bedeuteten häufig, dass diese wertvollen Lebensräume verschwanden.

Die traditionelle Almwirtschaft hat im Wald und an der Waldgrenze halboffene Grasflächen geschaffen, die für Arten wie Birk- und Auerhuhn wichtige Lebensräume darstellen. Besonders das Auerhuhn braucht die Lichtungen und Schneisen in den etwas tiefer liegenden Wäldern zur Futtersuche und für die Balz. Werden Almflächen und Waldweiden aufgegeben, wachsen sie schnell mit Sträuchern und Bäumen zu: Ein spezifisches Habitat ist damit verloren.

Dörfer und Städte sind über die letzten Jahrzehnte stark gewachsen. Tierarten, die sich im urbanen Lebensraum nicht gut zurechtfinden – „Kulturflüchter“ – werden damit immer weiter verdrängt; andere dagegen haben gelernt, sich anzupassen: Solche „Kulturfolger“ wie Rabenvögel oder Tauben haben in unseren Siedlungsräumen einen neuen Lebensraum gefunden. Nester werden in alten Kaminen oder unter Dachvorsprüngen gebaut, Müll und Essensreste dienen als neue und leicht verfügbare Nahrungsquelle.

Die Intensivierung der Landwirtschaft, mit vermehrtem Einsatz von Maschinen, Pestiziden und Dünger und großen, monotonen Anbauflächen, hat die Landschaft nachhaltig verändert. Wiesenbrüter wie Rebhuhn, Wachtel oder Braunkelchen konnten sich in einer solchen Landschaft nicht behaupten – ihre Bestände nahmen drastisch ab; generalistischen Arten wie Fuchs und Feldhase fiel die Umstellung leichter, der Feldhase etwa kommt auch in den intensiven Obst- und Weinbaukulturen vor. Generell hat die Artenvielfalt jedoch deutlich abgenommen.

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